"Vortreffliche Frauen" von Barbara Pym




Worum geht’s?

Der Roman Vortreffliche Frauen, erstmals erschienen im Jahr 1952 in englischer Sprache, spielt Anfang der 1950er Jahre im London der Nachkriegszeit. Er handelt von Mildred, die aus der Ich-Perspektive schildert, wie ihr sonst so geordnetes Leben durch das Erscheinen des Ehepaars Napier durcheinander gewirbelt wird.


Zur Hauptfigur: Mildred ist Anfang 30, lebt alleine und ist unverheiratet (im damaligen Kontext natürlich wichtig zu erwähnen). Sie ist eine Pfarrerstochter, die ihre Eltern bis zu deren Tod gepflegt hat und außerdem ein beliebtes Mitglied ihrer Kirchengemeinde, in der sie dem zuständigen Pfarrer und dessen Schwester eine wertvolle Stütze ist. Doch dann treten die Napiers in Mildreds Leben. Die Napiers sind zum einen Helena Napier, eine dauerrauchende und dem häuslichen Leben wenig zugeneigte Anthropologin, und Rockingham Napier, ein aus Italien zurückgekehrter Marineoffizier, dessen Hauptaufgabe während des Krieges laut Helena war „Scharen von drögen Marinehelferinnen in schlechtsitzenden weißen Uniformen zu charmieren.“


Das Ehepaar bezieht die Wohnung unter Mildred. Durch ihre Höflichkeit und Hilfsbereitschaft gerät Mildred schnell in die Rolle, den Napiers in einer Ehekrise beizustehen und lernt sogar den Grund für diese Krise kennen. Nicht mal ihre ansonsten so beständige Kirchengemeinde kann sie auffangen, weil der Pfarrer dort plötzlich verlobt ist, obwohl die Gemeinde ihn schon Mildred versprochen hatte. Die bekommt dadurch völlig unvermittelt und unfreiwillig den Titel „der Verschmähten“ zugewiesen. Der Roman Vortreffliche Frauen wird dem Genre „Sittenroman“ zugeordnet. In Sittenromanen wird in der Regel die Darstellung sozialer Konventionen einer bestimmten Gesellschaftsschicht in den Mittelpunkt gestellt (berühmte Beispiele sind Effi Briest oder Madame Bovary). Barbara Pym zeigt mit ganz feiner Beobachtungsgabe sehr schön die Absurditäten der Konventionen der britischen Nachkriegsgesellschaft auf. Sie stellt außerdem immer wieder die sehr feministische Frage, ob es einer Frau in ihrer Zeit überhaupt möglich war, innerhalb einer konventionellen Ehe die eigene Unabhängigkeit zu bewahren.

“Eine unverheiratete Frau Anfang dreißig, die allein und ohne offensichtliche Bindungen lebt, muss ständig damit rechnen, in fremde Angelegenheiten gezogen zu werden, und stammt sie noch dazu aus einen Pfarrhaus, ist der Fall wohl endgültig hoffnungslos.” („Vortreffliche Frauen“ - Barbara Pym)

Gelesen auf: Deutsch

Nase zwischen den Seiten: 5 Abende

Seitenanzahl: 352

Preis: 12,00€ (D)

Erschienen im Juli 2020 bei Dumont

ISBN: 978-382165499

Leseerlebnis

Hmpf. Also ich tauche wirklich gerne in andere historische Zeiten ein, London ist meine Lieblingsstadt, außerdem liebe ich Jane Austen (hab mir ja nicht ganz ohne Grund dieses Rezensionsexemplar ausgesucht;) ) und trotzdem war ich insgesamt irgendwie etwas “underwhelmed”. Barbara Pyms Beschreibungen der Kirchengemeinde haben mir stellenweise aber richtig gut gefallen, denn sie macht sich auf eine sehr liebevolle Art über deren Eigenarten lustig. In einer Szene, in der sie beschreibt, wie alle Gemeindemitglieder völlig überfordert sind, weil der Pfarrer keine Lust mehr hat, wieder mal den Weihnachtsbasar zu planen, musste ich zum Beispiel wirklich lachen. Aber: Die Charaktere sind mir leider nicht so richtig ans Herz gewachsen. Ich habe nicht so stark mit ihnen mitfiebern können und, auch wenn ich die Protagonistin Mildred beeindruckend fand, blieben sie und die anderen Romanfiguren eine Spur zu oberflächlich für mich. So konnte ich, ganz im Gegensatz zu beispielsweise Jane Austens Figuren, keine richtige Verbindung zu ihnen aufbauen. Das schmälert mein Lesevergnügen dann einfach. Trotzdem habe ich das Buch nicht total ungern gelesen oder mich durchkämpfen müssen, es hat mich nur einfach nicht so sehr berührt.

Boobscore: 3 von 5 Boobs ( • ) ( • ) ( • )

Der englische Titel Excellent Women spielt auf die leicht herablassende Bezeichnung für Frauen an, die im kirchlichen Rahmen oder für Wohltätigkeitsorganisationen ehrenamtliche Arbeiten übernehmen. Auch wenn es in diesem Roman nicht explizit um Feminismus geht, hat er sich drei Boobies auf jeden Fall redlich verdient, finde ich. Barbara Pym macht deutlich, dass es sich bei den sogenannten „vortrefflichen Frauen“ nicht um dumme, einfältige Wesen handelt, die keinen Mann abbekommen haben. Mildred hat durchaus die Möglichkeit sich zu binden, aber sie wägt genau ab, ob sie diesen Weg einschlagen soll, weil sie ihre eigene Freiheit nicht aufgeben möchte, um sich den Bedürfnissen eines Ehemannes unterzuordnen. In meiner eigenen sorgsam ausgewählten queer-feministischen Bubble zieht zwar keine*r mehr bei „Anfang 30, allein wohnend ohne Partnerschaft“ auch nur die Augenbraue hoch, doch auch in ihr stellen sich viele Frauen*, speziell wenn es um die Entscheidung geht, ein Kind zu bekommen, im Grunde immer noch exakt dieselbe Frage. Denn die Gefahr, sich selbst als Frau* und darüber die eigenen Bedürfnisse zu verlieren, ist meinem Eindruck nach auch in unseren heutigen gesellschaftlichen Strukturen genauso präsent wie vor 80 Jahren. Ich selbst war bis zu meinem 29. Lebensjahr in keiner festen Partnerschaft und, obwohl ich aus einer sehr liberalen Familie komme, wurde mir selbst dort irgendwann gesagt, dass es „total ok“ sei, falls ich lesbisch wäre. Wenn ich also an eine Frau denke, die zu Mildreds Zeiten in derselben Position war und welchen Kommentaren sie sich vermutlich ausgesetzt sah, finde ich es sehr beeindruckend, wie die Hauptfigur still aber konsequent darum kämpft, sich nicht zu verlieren. Und es ist faszinierend, wie kritisch und reflektiert der Blick der Romanautorin Barbara Pym bereits damals gewesen ist.

Literarisches Feuerwerk?

So schön altmodisch der Titel Vortreffliche Frauen anmutet, so vornehm ist der Schreibstil dieses Romans, jedoch wirklich gar nicht kompliziert oder anstrengend zu lesen. Man muss natürlich mitdenken, dass die Übersetzerin Sabine Roth es bestimmt nicht leicht hatte, einen Text aus 1952 ins Deutsche zu übersetzen. Ich finde, sie hat es gut hinbekommen und auch in der Übersetzung klingt der Text herrlich britisch, inklusive eines natürlich etwas altertümlichem, aber schönem und nicht schwer verständlichem Wortschatz.

Stoff zum Nachdenken

So wie mich die Romane von Virginia Woolf, Jane Austen oder Charlotte Brontë zum Nachdenken angeregt haben, so ging es mir auch mit Vortreffliche Frauen. Einerseits lädt der Roman dazu ein zu reflektieren, welche Probleme in unserer heutigen Zeit immer noch präsent sind, auf der anderen Seite habe ich mir nach dem Lesen mal wieder bewusst gemacht, dass ich mir, im Gegensatz zu vieler dieser Autorinnen, heute wesentlich leichter Gehör verschaffen kann (und sei es in einer kleinen Rezension:) ). Barbara Pym gibt viel Nachdenkstoff indem sie Fragen aufwirft, ob wir uns gesellschaftlichen Zwängen beugen wollen, ob wir lernen können, unsere eigenen Bedürfnisse von gesellschaftlichen Erwartungen zu unterscheiden und ob ich es als Frau* heutzutage vermeiden kann, in einer patriarchal geprägten Gesellschaft die gewünschte Rolle der aufopferungsvollen Versorgerin anzunehmen.

Bestes Geburtstagsgeschenk für …

… anglophile Freund*innen, die Jane Austen verehren, Sätze rufen wie “Moment, ich muss noch die clotted cream für die Scones aufschlagen!” und vor Freude fast eine Panikattacke kriegen weil der Downton Abbey-Film jetzt auch auf Prime verfügbar ist. :D

Happy Hour

Im Korbsessel mit einem Gin Orange auf dem Balkon und dann wie Mildred „das verschwommene Wohlgefühl, in das der Gin mich gelullt hatte“ genießen. ;)

Zu dieser Lebenslage passt das Buch

In einer beschissenen Woche mit einer großen Eskapismus-Sehnsucht und dem Wunsch den eigenen Alltag gaaanz weit weg zu schieben, ist das Buch optimal!

A little Bio never killed nobody

Barbara Pym (1913-1980) studierte Literatur in Oxford und arbeitete als Assistant Editor im African Institute in London. 1950 wurde ihr erster Roman Some Tame Gazelle veröffentlicht. Bis 1961 erschienen weitere fünf Romane von ihr, die von der Literaturkritik positiv aufgenommen und eine treue Leserschaft hatten. Ihre scheinbar unaufgeregten Themen schienen jedoch später nicht mehr in die Zeit zu passen und 1963 fand sich kein Verlag mehr, da man befürchtete, für diese Art von Romanen keine Leser*innenschaft mehr gewinnen zu können. Es folgte eine lange Phase von Selbstzweifel und Resignation. 1971 wurde bei ihr Brustkrebs diagnostiziert und zunächst erfolgreich operiert. 1977 wendete sich allerdings das literarische Blatt für sie, als die Times Literary Supplement wichtigen Persönlichkeiten aus dem Literaturbetrieb die Frage nach dem*der am meisten unterschätzten Schriftsteller*in des Jahrhunderts stellte: Ihr Name wurde als einziger zweimal genannt und sie wurde schlagartig bekannt. In ihren letzten drei Lebensjahren wurden ihre Romane sowohl in Großbritannien und Amerika wieder aufgelegt, sie wurde wiederholt für Zeitungsartikel und Radiobeiträge interviewt und die BBC widmete ihr sogar ein Porträt mit der Fernsehsendung Tea with Miss Pym, das ihr Leben in ihrem Häuschen in Finstock nahe Oxford zeigte, wo sie seit ihrer Pensionierung und bis zu ihrem Tod (1979 brach die Brustkrebserkrankung erneut aus und 1980 verstarb sie durch diese) mit ihrer Schwester und ihren Katzen lebte. Sie selbst war nie verheiratet.

Dieser Beitrag ist von unserer Gastbloggerin Laura. Das sagt Laura über sich:

2020 war für mich zumindest nicht nur ausschließlich mies, weil ich endlich auf die Idee gekommen bin, da mir beim Lesen ständig die Augen zufielen, dass ich eine leichte Sehschwäche habe (und nicht wie zuerst gedacht ständig müde war :D). Und es kam der heilige Moment, in dem ich mir die Lesebrille auf die Nase setzen und das alte Lesepensum wieder aufnehmen konnte. Ich arbeite als Psychologin in einer Frauenberatungsstelle und mein Schwerpunktthema dort ist Sexualisierte Gewalt. Ich mache diese Arbeit wirklich sehr, sehr gerne, aber natürlich ist es manchmal emotional mehr als anstrengend und wenig holt mich so schön runter wie das Lesen. Ansonsten liebe ich Katzenpfötchen, werde mir irgendwann einen Retromops kaufen (ja, die können vernünftig atmen! :D) und ohne Espresso mit Milchschaum fühl ich mich unvollständig.



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