"Und jetzt bin ich hier" von Jessica Andrews



Worum geht’s?

Es geht um das Leben der Ich-Erzählerin Lucy; mit allem, was dieses Leben ausmacht. Es handelt vom Alkoholismus des Vaters, der BeHinderung des hörgeschädigten Bruders Josh (bei dieser Schreibweise soll durch das große H verdeutlicht werden, dass Menschen mit BeHinderungen ständig Hindernisse zu überwinden haben, durch die ihnen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben erschwert wird), dem Aufwachsen in einer nordenglischen Kleinstadt, den irischen Wurzeln, dem Literaturstudium in London, der Frage Stadt oder Land und: Immer wieder der Liebe zu ihrer Mutter. Da Lucy als Frau* lebt und sozialisiert wird, geht es außerdem um Diskriminierung, Sexismus, Lookism und - bitte auch als Triggerwarnung verstehen - in einer Episode explizit um Sexualisierte Gewalt (S. 255, Abschnitt 26). Die Beziehung zwischen Mutter und Tochter ist ein sehr zentrales Thema, das als eine Art Grundmotiv sein Licht immer wieder auch auf all die anderen Themen wirft. Noch mehr möchte ich an dieser Stelle gar nicht verraten. Kurz zur Form: Ihren Coming-of-Age Roman erzählt die Schriftstellerin Jessica Andrews in kurzen Fragmenten, die sich wie episodische Anekdoten oder Tagebucheinträge lesen.


Du drückst mich an deine Brust, und ich bin du und nicht du, und wir werden nicht immer zueinandergehören, aber in diesem Augenblick gibt es nur uns, und es herrscht Frieden. Ich steige nach oben und sinke nach unten, im Rhythmus deines Atems, in diesem Bett. Im Rosa sind wir sicher.” („Und jetzt bin ich hier“ – Jessica Andrews)

Gelesen auf: Deutsch

Nase zwischen den Seiten: 7 Abende

Seitenanzahl: 336

Preis: 23,00€ (D)

Erschienen im April 2020 bei Hoffmann und Campe

ISBN: 978-3-455-00821-0


Leseerlebnis

Ich musste bei einer Stelle des Romans laut auflachen. Die Literaturstudentin Lucy bekommt eine Hausarbeit zurück, lediglich versehen mit dem Kommentar: “Ihr Stil ist schwülstig”. Natürlich ist das ein unprofessionelles und undifferenziertes akademisches Feedback, gar keine Frage. Lachen musste ich, weil ich direkt dachte: “Genau das nervt mich hier gerade manchmal beim Lesen.” Eine exemplarische Stelle hierfür: “Das Wasser ist so ruhig, und die Wolken sind leuchtend rosa und orange gestreift, so lieblich, dass mir die Zähne davon wehtun.” Mir tut, wenn ich viele solcher Sätze lesen muss, leider irgendwann der Kopf weh, aaaber: Das ist ja Geschmackssache. Und ich kann`s natürlich auch nicht besser. Umso schöner, dass ich, auch wenn mich der Stil teilweise gestört hat, trotzdem ein gutes Leseerlebnis hatte. Die Autorin kennt ihre Figuren sehr genau und ist ihnen oft ganz nah. Sie bleibt dabei immer empathisch und beschönigt nichts von dem, was ihnen widerfährt. Lucy, die noch sehr auf der Suche ist, bleibt manchmal schwer greifbar und etwas oberflächlich. Die poetisch anekdotischen Beschreibungen schafften für mich manchmal eher Distanz als Nähe. Ihr Schmerz und ihre Verzweiflung über die Erkrankung des Vaters, die Probleme des Bruders und dem Loslösen von der Mutter sind aber trotzdem immer wieder deutlich zu spüren. Wer für mich jedoch viel deutlicher Kontur angenommen hat, ist Lucys Mutter. Ich wollte direkt wissen, wer sie ist und fand es sehr packend, ihre Geschichte zu lesen. Wie sie darum kämpft, trotz des schwer erkrankten Ehemannes, beiden Kindern das Beste zu bieten, das sie bieten kann. Gleichzeitig versucht sie als Alleinerziehende (auch wenn der Vater die ersten Jahre mit der Familie zusammenlebt, ist sie durch dessen Suchterkrankung im Grunde immer alleinerziehend) nicht in die Falle der aufopferungsvollen und bedürfnislosen Mutter zu tappen. Sie gibt ihre eigenen Verlangen nicht auf. Und auch wenn sie in ihren Bemühungen, diese zu stillen, zunächst immer wieder scheitert, bleibt sie nie lange am Boden und wagt schnell den nächsten Versuch. Die dritte Hauptdarstellerin dieses Romans ist für mich die Beziehung zwischen Mutter und Tochter. Diese wird oft so wunderschön beschrieben, dass ich mich erinnern konnte, wie ich mich manchmal als Kind nach meiner Mutter gesehnt habe, wie nah ich meiner Mutter mal war und was davon heute noch übrig geblieben ist.


Boobscore: 4 von 5 Boobs ( • ) ( • ) ( • ) ( • )

Ich glaube, dass Jessica Andrews einen feministischen Roman schreiben wollte, indem sie sehr viel von dem sichtbar macht, was in einem patriarchalen System unsichtbar bleiben soll. Beispielsweise durch die Beschreibung der Erlebnisse von Lucy, die mehrfach sexuell belästigt wird. Die unter der ständigen Objektivierung ihrer selbst leidet und sich dem gesellschaftlichen Druck, wie eine Frau* zu sein hat, nur schwer entziehen kann. Aber auch durch die Wiedergabe des Lebens von Lucys Mutter: Die, wie so viele andere Frauen*, Lohn- und Care-Arbeit mehr oder weniger alleine bewältigen muss. Und zwar ohne, dass diese Leistung gesellschaftlich anerkannt oder überhaupt gesehen wird. Was Frauen* hier Unmögliches abverlangt wird, zeigen dann kurze Szenen wie diese: „‘Können wir zu McDonalds, Mam?‘ fragte Josh vom Rücksitz. Meine Mutter ließ den Kopf aufs Lenkrad sinken und fing an zu weinen. Ich sah, wie die Sommersprossen auf den Armen von ihren Schluchzern nur so geschüttelt wurden.“ Für mich ist Verletzlichkeit zu zeigen und die Kämpfe von Frauen* sichtbar zu machen, eine wichtige Form des Empowerments und somit gebe ich gerne vier von fünf Boobies.


Literarisches Feuerwerk?

Es wäre unfair, dem Roman die literarische Qualität abzusprechen, nur weil mir der Stil nicht immer gefällt. Jessica Andrews kann sicher enorm gut schreiben. Es gibt sehr viele Sprachbilder (von denen ich wie gesagt nicht ganz so viele gebraucht hätte) und manche fand auch ich kraftvoll und schön. Hier von Lucys Sehnsucht nach ihrer Mutter: „Ich will mich an den Abdruck deines Körpers erinnern, als er noch mir allein gehörte und niemand anderem. Ich will mich an den Überbleibseln festhalten, die von dir übrig sind. Ich will sie aufheben und wieder zusammenfügen.“


Stoff zum Nachdenken

Ich mochte, dass der Roman zur Selbstreflektion einlädt. Er behandelt Themen, die sehr viele von uns prägen: Suchterkrankungen, die Objektivierung von Frauen*, Sexualisierte Gewalt, die Beziehung zu unseren Eltern, Erwachsenwerden, Alleinerziehende zu sein, der Umgang mit der BeHinderung eines Familienmitglieds. Und der ganz grundsätzlichen Frage: Wie möchte ich leben? Also plenty to think about;)


Bestes Geburtstagsgeschenk für …

… eine Person zum 18. Geburtstag, zu Schul-oder Uniabschluss und für alle, bei denen eine Veränderung ansteht oder die das Genre Coming-of-Age lieben.


Happy Hour

Ganz klar, irischer Cider im Pub (oder - Achtung unbezahlte Werbung - wer keinen in der Nähe hat, einfach ein Bulmers bei Rewe kaufen und einen eigenen kleinen Küchen-Pub eröffnen;) ).


Zu dieser Lebenslage passt das Buch

In melancholischer Bleib ich in der Stadt wohnen oder will ich auf's verheißungsvolle Land ziehen, aber die Stadt würde mir schon fehlen, andererseits ist die Stadt so hektisch und während Corona war ja auch uws. - Stimmung die perfekte Lektüre (wer sich hiervon nicht angesprochen fühlt, siehe bitte “Bestes Geburtstagsgeschenk für ...” ;) )!


A little Bio never killed nobody

Leider (oder vielleicht ist das auch mal völlig ok so) erfahren wir nicht viel über die Person Jessica Andrews. Meine kleine Internetrecherche hat erstaunlich wenig zu Tage gefördert. Ihr deutscher Verlag verrät, dass sie, wie ihre Ich-Erzählerin Lucy, im nordenglischen Sunderland aufgewachsen ist. Seither hat sie in Paris, Donegal, Barcelona und London gelebt. Ihre Prosa und Gedichte sind in verschiedenen britischen Medien erschienen und sie ist Mitherausgeberin des Online-Magazins The Grapevine. Ein Artikel in der Frankfurter Rundschau berichtet noch, dass der Roman, den die Autorin mit Mitte zwanzig geschrieben hat, sehr starke autobiographische Parallelen aufweist, die Jessica Andrews auch nicht abstreite. Das Label Roman habe ihr aber die nötige gestalterische Freiheit gegeben. In Großbritannien sei das Buch (im Englischen übrigens unter dem Titel: „Saltwater“ erschienen) vor allem dafür gefeiert worden, dass es „von einer selbstbewussten Stimme aus der Arbeiterklasse“ stamme. „Und jetzt bin ich hier“ ist Jessica Andrews Debütroman.


Dieser Beitrag ist von unserer Gastbloggerin Laura. Das sagt Laura über sich: 2020 war für mich zumindest nicht nur ausschließlich mies, weil ich endlich auf die Idee gekommen bin, da mir beim Lesen ständig die Augen zufielen, dass ich eine leichte Sehschwäche habe (und nicht wie zuerst gedacht ständig müde war:D). Und es kam der heilige Moment, in dem ich mir die Lesebrille auf die Nase setzen und das alte Lesepensum wieder aufnehmen konnte.


Ich arbeite als Psychologin in einer Frauenberatungsstelle und mein Schwerpunktthema dort ist Sexualisierte Gewalt. Ich mache diese Arbeit wirklich sehr, sehr gerne, aber natürlich ist es manchmal emotional mehr als anstrengend und wenig holt mich so schön runter wie das Lesen. Ansonsten liebe ich Katzenpfötchen, werde mir irgendwann einen Retromops kaufen (ja, die können vernünftig atmen! :D) und ohne Espresso mit Milchschaum fühl ich mich unvollständig.


Laura hat bereits für Boob Books eine Gastrezension zu Barbary Pyms Vortreffliche Frauen verfasst.


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