"Nur JA! heißt ja" von Shaina Joy Machlus



Worum geht's?

„Einvernehmlicher Sex mit meinem Freund? Si klaro, immer!“ hätte ich vor der Lektüre dieses Buches gesagt und dabei eventuell mein aufkommendes Unbehagen heruntergeschluckt. Denn, ganz ehrlich, es kam vor, dass aus einem inneren Nein ein zögerlich ausgesprochenes Ja oder einfach ein Schweigen wurde. Solange ich nicht Nein sage, ist Sex einvernehmlich (so ähnlich sagt es immerhin das 2016 beschlossene Gesetz im Sexualstrafrecht) – oder?

Der Leitfaden Nur Ja! heißt ja stellt Shaina Joy Machlus Versuch dar, aus einem gesellschaftlich geläufigen „Nein heißt nein“ ein „Nur ja heißt ja“ zu machen und eine Kultur des sexuellen Konsens zu etablieren. Das Wort „Konsens“ meint in diesem Falle engagiertes Einvernehmen, sodass alle Beteiligten sich der eigenen und anderen Zustimmung zu sexuellen Akten und zur Situationen sicher sein können.

Wenn ich mich mit anderen Personen zu Machlus Aufforderung nach einer Konsenskultur unterhalte, kommen Reaktionen à la „Muss ich meine*n Partner*in jetzt jedes Mal fragen, wenn ich etwas verändern will?“ und „Das ist doch unromantisch“. Bei solchen Aussagen kann ich inzwischen nur noch wütend den Kopf schütteln. Machlus Anleitung schafft es meiner Wut klare Worte zu verleihen, indem sie nicht nur aufzeigt, dass eine Konsenskultur zu besserem Sex und gesünderen Beziehungen führt. Sie zeigt auch, dass eine Konsenskultur dabei hilft, Missbrauch und auch Vergewaltigung eindeutig zu kennzeichnen. Denn: Viele sexuelle Übergriffe passieren leider zwischen Menschen, die bereits miteinander in Beziehungen sind. Und: In unserer Gesellschaft ist es normal, Überschreitungen von Grenzen als Romantik zu stilisieren. Wer kennt nicht die romantischen Komödien, in welcher der Protagonist die Angehimmelte trotz Widerwillen dennoch „rumkriegt“? Ich finde es unglaublich frustrierend, dass Grenzüberschreitungen zugunsten der „Romantik“ in Kauf genommen werden. Es ist doch viel sexier zu wissen, dass die andere(n) Person(en) wirklich und wahrhaftig Bock auf die Situation haben! Daher geht es bei Shaina Joy Machlus auch darum, Menschen über persönliche Selbstbestimmung weiterzubilden und ihnen zu vermitteln, diese Selbstbestimmung zu respektieren.


„Diese ‚engagierte Zustimmung‘ oder ein ‚lustvolles Ja‘ bedeutet, dass alle wirklich, wirklich, wirklich mitmachen wollen.“ ('Nur JA! heißt ja!' - Shaina Joy Machlus)

oder

„Wenn du ein kräftiges ‚Ja!‘ oder ein ‚Voll gerne‘ oder ein ‚Fuck yeah! Ich will mit dir Orangensaft trinken und ganz laut Phil Collins hören!‘ als Antwort erhältst, dann bist du sicher, dass die Tür weit offen steht und alle mit ganzem Willen und ohne Zweifel oder Zögern dabei sein wollen – du weißt, dass die andere(n) Person(en sich gut fühlt/ fühlen.“ ('Nur JA! heißt ja!' - Shaina Joy Machlus)

Gelesen auf: Deutsch Nase zwischen den Seiten: 2 Abende Seitenanzahl: 256 Preis: 19,50 € (D) Erschienen im März 2021 beim Orlanda Verlag GmbH, Berlin Übersetzt: Aus dem Spanischen von Jennifer Sophia Theodor

Illustriert: Von Janice Mantwil und Marie Michael


Leseerlebnis:

Sanft, aber stark – das sind meine Assoziationen, wenn ich an das Lesen zurückdenke. Die Illustrationen, kurzen Kapitel sowie die Einführung in die Thematik mithilfe von Grundlagen zu Geschlecht, Sex und Körper haben mir den Einstieg in das Buch erleichtert. Das heißt jedoch nicht, dass mir die Lektüre durchweg leichtfiel. Nein, tatsächlich schaffte Machlus Anleitung, dass sich meine Sichtweisen und Glaubenssätze gedreht haben. Erinnerungen an sexuelle Momente rückten für mich in ein neues Licht und das blieb nicht immer schmerzfrei. Genau deswegen empfand ich die Lektüre als bereichernd und lehrreich, die insbesondere durch die verständlichen, aber machtvollen Appelle im Gedächtnis bleiben werden.

Boobscore: 5 von 5 Boobs ( • ) ( • ) ( • ) ( • ) ( • )

Niemals war ein Rating so einfach wie dieses – ganz klare 5 Sterne! Wo soll ich nur anfangen? Machlus Ausführungen beruhen auf Gedanken, Praktiken und Diskussion aus der queeren Community, und das merkt mensch glücklicherweise auch. Machlus versucht, diversen Lebensrealitäten Sichtbarkeit zu verleihen und somit so viele Hürden wie möglich abzubauen. Es geht um Empowerment und Selbstermächtigung und wie diese in Form von Konsens konkret aussehen können. Machlus geht auf die Missbrauchs- und Vergewaltigungskultur und die Rolle von (toxischer) Männlichkeit dabei ein. Dies ist erneut ein Buch, welches ich allen Personen in die Hand drücken möchte.

Literarisches Feuerwerk?

Nicht unbedingt. Aber das wäre an dieser Stelle auch fehl am Platz! Die Sprache ist einfach und schlicht, verständlich und direkt und versucht somit, sprachliche Hürden zu verringern.

Stoff zum Nachdenken:

Besonders nachgeklungen hat der Gedanke, wie insbesondere cis-Männer sich einbringen sollten und welche Vorteile sich ergeben, wenn toxische Männlichkeit auch als solche erkannt und ausgerufen wird.

Bestes Geschenk für ... Die Gruppe von Freund*innen, mit denen nachts zu Wein über Sex gesprochen wird. Für alle Balkon-Freund*innen, mit denen wir in plötzlichen Momenten ehrlich und nahe sein können. Für die jüngeren Geschwister, in der Hoffnung, dass sie sich trauen „Nein“ zu sagen und „Ja“ zu (er)fragen. Der Leitfaden ist das beste Geschenk, um endlich auch im Tageslicht über Sex und sexuellen Konsens zu sprechen.

Happy Hour

Wie ich von Shaina Joy Machlus gelernt habe, lässt sich das einvernehmliche Ja! am besten mit einem großen Glas Orangensaft feiern, während mensch zum Takt von Phil Collins mit den Füßen wippt.

Zu dieser Lebenslage passt das Buch

Dieser Ratgeber passt, wenn die Person bereit ist, potenziell schmerzhafte Erlebnisse oder Verhaltensweisen reflektieren zu können. Insbesondere wenn einen Zweifel überkommen, ob der Sex wirklich immer einvernehmlich geschehen ist, stellt Shainas Leitfaden eine enorme Hilfe dar.

A little Bio never killed nobody Shaina Joy Machlus (she/they) wurde in New Jersey geboren und arbeitet als Schriftsteller*in, Übersetzer*in, Journalist*in und Professor*in. Shaina hat ein Studium in Biologie und Gesundheitswissenschaften abgeschlossen und lehrt gegenwärtig an der Elisava Universität in Barcelona. Außerdem schreibt Shaina Kolumnen für verschiedenste Zeitschriften. Das vorliegende Buch wurde zeitlich in Spanien und Katalonien veröffentlicht und stellt den ersten in diesen Sprachen verfasste Leitfaden zu sexuellem Einvernehmen dar.


Dieser Gastbeitrag ist von unserer Gästin Nicole. Das sagt Nicole über sich: Mein Herz schlägt ja ziemlich laut für Literatur, insbesondere für feministische Themen. Deswegen könnte ich mir immer mal wieder in den A**** beißen, mich nicht der Literaturwissenschaft verschrieben zu haben. Stattdessen studiere ich gegenwärtig Friedens- und Konfliktforschung (auch super!) und freue mich riesig, beiden Welten bei Boob Books Ausdruck zu verleihen. Neben dem Studium und dem Lesen flaniere ich liebend gern durch Frankfurt, bin großer Fan von Drag-Shows und trinke ständig Milchkaffee. Nicoles erste Rezension zu Im Park der prächtigen Schwestern von Camila Sosa Villada gibt's hier.



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