"Judith und Hamnet" von Maggie O'Farrell



Worum geht's?

Es geschieht im Jahr 1596, dass die Pest ihren Weg zurück nach England findet. Er führt sie direkt hinein in das Haus, in dem die Zwillinge Judith und Hamnet zusammen mit ihrer Schwester Susanna, ihrer Mutter Agnes und ihren Großeltern leben. Ihr Vater ist gerade in London, wie die meiste Zeit über, als Judith schwer erkrankt. Doch nicht sie ist es, die schließlich der Seuche erliegt, sondern ihr Bruder. Sein Name, Hamnet, wird vier Jahre später unzählige Theaterplakate in London zieren, sein Vater macht ihn mit der Tragödie Hamlet aus seiner Feder unvergessen. Er selbst ist bis heute der wohl bekannteste Dramatiker aller Zeiten: William Shakespeare. Seine Biografie weist Lücken auf, doch noch viel weniger weiß man über seine Familie. Wie begann die Liebesgeschichte zwischen ihm und seiner Frau Agnes? Wie erging es ihr, als er sie in Stratford zurückließ, um seinen Traum vom Theater in London zu verwirklichen? Und wie wuchsen seine Kinder auf?

Doch nicht er steht in Maggie O'Farrells Roman Judith und Hamnet im Vordergrund, sondern seine Familie, die weitestgehend ohne seine Unterstützung zurechtkommen muss. Im Buch spielt er nicht die Rolle des genialen Dichters und Dramatikers, sondern nur eine Nebenrolle. Mal als Sohn, der sich dem Einfluss des jähzornigen Vaters zu entziehen versucht. Mal selbst als Vater, der hin- und hergerissen ist zwischen der Liebe zu seiner Familie und der Leidenschaft für die Kunst, die ihn nach London ruft. Auf die Bühne tritt seine Frau und ihr Leben, ihr Leiden und die Liebe zu ihren Kindern und der Natur rund um Stratford, die fast schon selbst zu einer Darstellerin in diesem Buch wird.

„Sie spürt, wie die Zweige und Beeren und Blumen ihres Kranzes piksen und verrutschen, spürt das Wasserrinnsal in den Adern der Stängel und Blätter. Sie spürt eine Regung in sich – ein Fließen, Strömen oder Fluten -, die dem Rhythmus der Pflanzen entspricht, dem Blutstrom zwischen ihr und dem Kind zwischen sich.“ ('Judith und Hamnet' - Maggie O'Farrell)

Gelesen auf: Deutsch

Nase zwischen den Seiten: 9 Tage

Seitenanzahl: 416

Preis: 22,00 € (D) (Hardcover)

Erschienen im September 2020 im Piper Verlag

ISBN: 978-3492070362


Tipps und Titts

Natürlich ist man verleitet, vor oder während des Lesens noch einmal schnell Shakespeare zu googeln (ecosiaen). Macht es nicht! Ich selbst habe auch damit gewartet, bis ich die letzte Seite dieses Buches gelesen hatte. Denn schließlich ist es keine Biografie über ihn, sondern ein fiktionaler Roman, der ihn nicht ein Mal beim Namen nennt. O'Farrell umschifft dies immer elegant und nennt ihn mal „Mann“, „Vater“, „Sohn“ oder schlicht „ihn“. Was ihr allerdings nachschlagen könnt, sind all die wunderbaren Pflanzennamen, die sich auf fast jeder Seite finden lassen, sich für mich herrlich fremd anhörten und trotzdem sofort einen kleinen Garten in meinem Kopf wachsen ließen. So viel, wie hier sprießt, findet man in keinem Botanik-Lexikon. Unwissen auf dem Gebiet ist aber auch nicht weiter schlimm, die ganzen Namen klingen auch schön, auch wenn man ihre Bedeutung nicht kennt.


Boob Score: 3 von 5 Boobs

3 von 5 Boobs klingt erst einmal so, als würde ich das Buch nicht weiterempfehlen, doch so möchte ich das nicht stehen lassen. Mir fallen nämlich durchaus ein paar Personen ein, denen ich Judith und Hamnet ohne Zögern schenken würde. Auch ich hatte meine Freude beim Lesen, allerdings reicht das für mich noch nicht zu 4 oder gar 5 Boobs.


Diese Freude ist zunächst einmal durch die Idee hinter dem Roman begründet. Über berühmte Männer* wurden nun schon zahllose Bücher geschrieben, doch selten wird der Frage nachgegangen, wie es sich eigentlich für ihre Frauen* und Kinder angefühlt haben muss, mit ihnen (beziehungsweise ohne sie) zu leben. Shakespeare glänzt in diesem Buch zumindest eher mit Abwesenheit, nur vereinzelt erhält man einen Einblick in sein Seelenleben. Viel interessanter und wichtiger ist das Leben seiner Frau Agnes, die ein übernatürliches Gespür für die Natur und ihre Mitmenschen zu haben scheint. In zwei parallellaufenden Handlungssträngen folgen wir dem Weg von ihrer Geburt bis hin zur Heirat mit ihrem Mann, und kämpfen gleichzeitig Seite an Seite mit ihr gegen die Pest, die ihr erst das eine und dann das andere Kind rauben will. Mit ihr leiden wir, als ihr Sohn stirbt; ihre Wut ist es, die wir spüren, wenn sie sich von ihrem Mann alleine gelassen fühlt. Mit ihr hoffen wir, dass ihre Ehe die harte Probe besteht, auf die sie durch den Tod eines ihrer Kinder gestellt wird. Mit ihr scheitern wir daran, Hamnet loszulassen.


Doch auch Judith, Hamnet und Susanna kommen zu Wort, auch ihre Gedanken und Erlebnisse finden Platz auf diesen Seiten und zeichnen ein detailliertes Bild vom Leben im Stratford des 16. Jahrhunderts, wie es wirklich ausgesehen haben könnte. Judith und Hamnet ist damit ein historischer Gesellschaftsroman und gewährt gleichzeitig Einblick in die ganz persönlichen Empfindungen seiner Hauptfiguren, wie sie noch heute nachfühlbar sind.


„Agnes sieht das Kind von ihrer jüngeren Tochter abfallen wie einen Umhang von einer Schulter (…); ihr Gang nimmt die Bürde der Weiblichkeit an.“ (('Judith und Hamnet' - Maggie O'Farrell)

Die vielen Sprünge zwischen den verschiedenen Charakteren und dann auch noch in der Zeit schaffen jedoch gleichzeitig Distanz. Als Leserin bekam ich zwar einen Rundumblick auf jede Begebenheit, die das Schicksal dieser Familie bestimmt. Allerdings blieb es mir dadurch verwehrt, eine der Personen in ihrer Ganzheit zu verstehen und damit in mein Herz zu schließen. Es ist, als würde O'Farrell mir sagen wollen: „Du musst beide Seiten sehen!“. Aber muss dieser Roman wirklich eine ausgewogene Argumentation für jede einzelne Position in jeder Situation sein? Oder darf man nicht wenigstens in der Belletristik Partei ergreifen für eine Seite, selbst wenn das der anderen Unrecht tut?


Literarisches Feuerwerk?

So gut die Idee und der Plot des Romanes ist, so zwiegespalten bin ich bei der Art und Weise, wie er literarisch umgesetzt wurde. Maggie O'Farrell versetzt uns mit ihrer Sprache hinein in eine Zeit, in der an jede Balustrade noch ein Schnörkel gemeißelt wurde, in der Könige auf prunkvollen Booten einem Streichorchester lauschten, während über ihnen Feuerwerk in den Nachthimmel stieg und Kirchengemäuer unter der Last des Goldes, mit dem sie geschmückt waren, leise ächzten. Allerdings ist diese Welt weit von der entfernt, in der Agnes mit ihren Kindern lebt, in der Pestflöhe von einem Tier zum nächsten und von dort auf die Menschen sprangen, die Leute ihren Unrat auf die Straße kippten und der Großteil der Bevölkerung Analphabeten waren. O'Farrells Stil lässt sich keine Kargheit anmerken, gerade zu in barocker Manier lässt sie es sich nicht nehmen, die noch so kleinste Beobachtung und Begebenheit kunstvoll zu schmücken. Auf einer Seite können sich schon einmal fünf Vergleiche mit einer Pflanze, einem Fluss, dem Himmel oder einem der vier Elemente finden lassen. Das mag sich am Anfang noch wie ein Rausch aus Farben, Gerüchen und Bewegungen lesen. Allerdings konnte ich nach so viel sprachlicher Bebilderung bald nur noch müde lächeln, wenn Mary (Shakespeares Mutter), Judith und Susanna auf Agnes´ Bruder zueilen und ihn „umringen (…) wie eine Wolke, die den Mond einhüllt“.


Die Sprache ist wohlklingend, sie ist anmutig und rankt sich durch die Geschichte, die jedoch selbst nicht so wirklich an Fahrt aufnehmen will. Vereinzelt packt sie einen an beiden Wangen, zieht den Kopf ganz nah an die Seiten und lässt nicht mehr los, bis eine besonders brenzlige Situation vorbei ist. Aber die meiste Zeit schaukeln wir beim Lesen gemächlich durch Stratford und die umliegenden Wälder, sitzen am Herdfeuer, schneiden Rosen zurück und trocknen Kräuter, während wir uns abwechselnd Sorgen um Hamnet, seinen Vater oder Agnes machen dürfen. Das macht das Buch zwar angenehm zu lesen und man möchte denken: „Wie schön!“. Aber schön reicht eben nicht für große Literatur und ist dann am Ende auch irgendwie einschläfernd.


Stoff zum Nachdenken

Einige Themen, die hier angeschnitten werden, beschäftigen uns auch heute noch. Wie sehr wollen wir im Einklang mit der Natur leben? Welchen Nutzen ziehen wir aus ihr und haben wir vielleicht schon verlernt, ihre Zeichen zu deuten? Auch Agnes' Rolle als Frau, Ehefrau und Mutter wird von ihr in einer für ihre Zeit untypischen Art und Weise gespielt, wobei sie oft keine andere Wahl hat, als die Zügel selbst in die Hand zu nehmen. Ihr Mann ist schließlich nicht immer zur Stelle, um auf alles ein Auge zu haben und wird von O'Farrell darüber hinaus auch nicht so dargestellt, als wäre er sonderlich führungsambitioniert.


Interessant fand ich außerdem, wie im Roman die Konflikte in der Ehe zwischen Agnes und ihrem Mann dargestellt werden. Die Autorin bemüht sich hier sehr, weder die eine noch den anderen als Schuldige*n darzustellen. Beide Eheleute machen Fehler, nehmen einander mal nicht ernst genug, aber schließlich auch wieder in den Arm. Eine funktionierende Partnerschaft bedeutet damals wie heute nicht pure Harmonie, sondern schwere Schicksalsschläge gemeinsam zu bewältigen und die Sehnsüchte des*der jeweils anderen zu respektieren. Auch wenn Agnes in diesem Fall deutlich mehr Kompromisse eingehen muss, als ihr Mann es tut, beweist sie damit unglaublich viel Nachsicht und Verständnis für ihn. Man könnte sie deswegen als unemanzipiert beschreiben, doch das halte ich für zu kurz gedacht. In jeder anderen Hinsicht verhält sie sich recht selbstständig, sie vertraut auf sich und in ihre Fähigkeiten und behauptet sich gegen ihre Familie und die ihres Mannes. Die Frage ist eher, ob sie ihre Bedürfnisse immer um jeden Preis durchsetzen muss, auch wenn dass die Beziehung zu ihrem Mann beschädigen könnte. Hat sie nicht vielleicht eher erkannt, dass sie ihm aus Liebe nicht mehr schenken kann, als die Freiheit, sich selbst zu verwirklichen? Womit sie einen nicht unbedeutenden Teil zu seinem kreativen Schaffen beigetragen haben dürfte, wenn auch nur indirekt.


Bestes Geburtstagsgeschenk für …

… Kräuterhexen, die am liebsten in Sonetten reden und den British Accent dem American Slang jederzeit vorziehen.


Happy Hour

Ich empfehle einen bitteren Kräuter- oder Schwarztee, ein bisschen Honig darf auch drin sein. Irgendetwas, das nach Erde und Holz riecht und genauso bodenständig wie Agnes ist.


Zu dieser Lebenslage passt das Buch

Ein Urlaub im Wald; ein langer grauer Winter, in dem man von flirrender Hitze und duftenden Feldern träumt; eine Reise nach Großbritannien; wenn man gerade Hamlet oder den Sommernachtstraum im Theater gesehen hat und sich fragt, wie man denn auf sowas kommt; wenn das eigene Leben gerade schon zu sehr das eigene Mitdenken erfordert, sodass man sich wenigstens beim Lesen nicht jedes Bild selbst ausmalen will, sondern sich die Szenerie wie von selbst vor dem inneren Auge entfalten soll.


A little Bio never killed nobody

Maggie O'Farrell wurde 1972 in Nordirland geboren und hat mit ihren Bestsellern schon einige Preise gewinnen können, darunter den Costa Book Award und den Sommerset Maugham Award. Vor Judith und Hamnet veröffentlichte sie unter anderem ihr Memoire Ich bin, ich bin, ich bin, das sich großer Beliebtheit erfreute. Ihre Bücher wurden mittlerweile in 30 Sprachen übersetzt.

Außerdem arbeitet O'Farrell als Journalistin für The Independent on Sunday und in Hong Kong sowie als Dozentin für Kreatives Schreiben an der University of Warwick in Coventry und am Goldsmith College in London. Ihren Erfolg genießt sie heute zusammen mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Edinburgh.


Dieser Beitrag ist von unserer Gastbloggerin Luisa. Das schreibt Luisa über sich:

Seit meiner Grundschulzeit macht mir kaum etwas so viel Freude wie das Durchlesen von Texten Anderer, an die ich dann kleine Anmerkungen, Verbesserungsvorschläge und entgeisterte „?!“ kritzeln kann. Die Kommentarfunktion in Word-Dokumenten halte ich für die genialste Erfindung der letzten 15 Jahre. Na gut, nicht ganz die genialste, aber sie schafft es definitiv in die Top 5. Meine Kritikwütigkeit ist im Grunde jedoch zu nichts anderem gut, als davon abzulenken, dass ich es selbst nicht schaffe, einen Text zu schreiben, der länger als 20 Seiten ist. Viel lieber versinke ich in stumme Bewunderung, wenn schon wieder jemand einen Satz geschrieben hat, den ich genau so gern selbst geschrieben hätte (heiße Kandidat*innen dafür sind: Max Frisch, Herta Müller, Bertolt Brecht und Olga Tokarczuk). Anderen beim Arbeiten zuzuschauen, ist doch eh viel schöner – und es lässt sich dabei so schön von der eigenen Publikation träumen.


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