Interview mit der Autorin Eva Sichelschmidt

Aktualisiert: Sept 22



Boob Books: Ihr zweiter Roman “Bis wieder einer weint” erschien im vergangenen Januar. Somit fiel die Promotionsphase des Romans direkt in den Beginn der Pandemie. Damals sagten Sie in einem Interview mit dem ZEITmagazin, dass es sich manchmal anfühlt, als sei alles umsonst gewesen. Jetzt ist Ihr Buch für den Deutschen Buchpreis nominiert. Wie geht es Ihnen damit?


Eva Sichelschmidt: Eine Sache hat sich inzwischen grundsätzlich geändert: Die Hysterie ist aus dieser ganzen Situation gewichen. Wir leben in einer neuen, stark veränderten Realität. Die bestimmt nun unsere Gegenwart und auch unsere Zukunft auf unabsehbare Zeit. Man richtet sich also neu ein. Hinzu kommt, dass mein Buch lange liegen kann, ohne Schaden zu nehmen, denn der Roman hat keinen direkten aktuellen Bezug. Ich behaupte hier einfach mal, dass mein Roman nicht schnell altert. Das hat sich auch darin gezeigt, dass die Aufmerksamkeit weniger über die Medien kam als über die Leser. Die Menschen haben das Buch nicht gekauft, weil es gut besprochen wurde, sondern weil sie es weitergegeben haben. Die Geschichte ist eine sehr persönliche und die Leser erkennen viele Dinge aus ihrem eigenen Leben oder ihrer eigenen Kindheit wieder. Das ist schön und macht mich gerade sehr hoffnungsfroh.


Boob Books: Wie haben Sie von der Nominierung für den Deutschen Buchpreis erfahren und was war Ihre Reaktion?


Eva Sichelschmidt: Ich bin anscheinend so gebaut, dass ich immer gegen mich argumentieren muss. Mein Großvater hat mir beim Spazierengehen immer eine Geschichte von Till Eulenspiegel erzählt. Till Eulenspiegel hat, wenn es bergab ging und ihm das Laufen leichtfiel, immer schon schlechte Laune bekommen, weil er wusste, dass es gleich wieder bergauf gehen und er ganz schrecklich am Berg schwitzen würde. Das ist bei mir tatsächlich auch ein bisschen so. Es kommt etwas Gutes und ich frage mich: Was bedeutet das jetzt? Als der Lektor die frohe Kunde überbrachte, dachte ich sofort: Ach herrje, jetzt gucken alle auf mich und ich stehe in Konkurrenz mit neunzehn anderen Schriftstellern. Wie werde ich mich fühlen, wenn ich es nicht auf die Shortlist schaffen werde? Aber das war natürlich der zweite Gedanke. Zunächst stand die Freude eindeutig im Vordergrund. Große Überraschung, ich hatte Gott sei Dank total vergessen, dass der Verlag den Roman einreichen wollte. Ich hätte niemals damit gerechnet. Jede Form der Aufmerksamkeit tut nach so langer Zeit richtig guttut.


Boob Books: Im Interview mit dem ZEITmagazin sagten Sie ebenfalls, dass Sie sich Sorgen um Ihren Laden Whisky & Cigars machen. Fast forward September 2020: Wie geht es dem Laden, wie hat Corona Ihr Geschäft verändert?


Eva Sichelschmidt: Prognosen über den Laden mache ich erst wieder am Jahresende, so lange halten wir durch. Es ist schwierig und es bleibt erst einmal schwierig. Es macht auch alles so wenig Spaß, weil im Geschäft das Zwischenmenschliche so eine große Rolle spielt. Das unbeschwerte miteinander Reden und Feiern, sich nahekommen. All das, was man eben jetzt nicht darf. Ich glaube, dass die ganze Einzelhandelsbranche, unsere Städte, die Form, wie wir gereist sind, die Art, wie wir konsumiert haben, dass unser Leben in eine unüberschaubare Phase der Veränderung geraten ist.


Boob Books: Welche Rolle hat das Lesen und Schreiben während der letzten, sehr außergewöhnlichen Monate für Sie eingenommen?


Eva Sichelschmidt: Die Antwort aller Schriftsteller, die ich dazu gelesen habe, ist auch meine. Der Schreibende ist ja immer in Schreibklausur, mehr oder weniger. Mir geht es immer gut, wenn ich alleine am Tisch sitze, da kann mir nicht besonders viel passieren. Das einzige, was schwierig wird, wenn man nicht viel vor die Tür kann, ist, dass einem nach einer gewissen Weile fremde Impulse fehlen. Da merkt man dann, wie sehr man doch davon abhängig ist, unterwegs zu sein. Ich konnte das relativ gut mit Laufen, schnellem Gehen, mit dem Hund unterwegs sein, kompensieren. Obwohl ich unseren Wald gut kenne, sind mir dann dennoch neue Gedanken gekommen. Ansonsten ist das mein Job: Lesen und Schreiben. Ich tue nicht viel anderes.


Boob Books: Im Interview mit dem ZEITmagazin sagten Sie ebenfalls, dass dieses Buch das wichtigste ist, was Sie bisher geschrieben haben. Was macht das Buch so besonders für Sie?


Eva Sichelschmidt: Ich glaube, der Traum eines jeden Schriftstellers ist etwas zu schreiben, was er selbst wirklich gerne lesen würde. Ich schaue nie links und rechts, um zu gucken: “Was hat Erfolg?“ Ganz bestimmte Sachen können nur die anderen. Das, was wiederum die können, die ich bewundere, ist meistens ganz einmalig. Ich habe einfach versucht etwas zu finden, wovon ich sage, das ist ein Blickwinkel oder eine spezielle Form, die mir auf diese Weise noch nicht untergekommen ist. Dennoch steht mein Roman in einer gewissen Tradition zu der Literatur, die ich verehre. Der Schreibprozess hat so lange gedauert, weil der Aufbau des Buches für mich kompliziert war, fast schon ein mathematischer Vorgang. Die zwei Erzählperspektiven mussten passgenau ineinandergreifen. Die Themen der Erzählebene, mussten in der Ich-Perspektive wiederaufgenommen werden und umgekehrt. Die Kapitel beziehen sich aufeinander. Der Aufbau musste stimmen. Schreiben besteht für mich nicht aus der Angst vor dem weißen Blatt, sondern aus der Furcht davor, wie viele Seiten ich demnächst wieder wegschmeißen muss. Das meiste was ich schreibe, circa 90 % von allem, schmeiß ich weg. Deshalb dauert das Schreiben so lange. Weil ich mich mit dem ersten Wurf nie zufriedengeben kann.


Boob Books: Die Handlung des Buches beginnt in der Adenauer-Ära, das heißt, noch bevor Sie geboren wurden. Wie haben Sie es geschafft, die Atmosphäre der späten 1950er/ frühen 1960er so prägnant zu schildern? Haben Sie mit Familienangehörigen geredet?


Eva Sichelschmidt: Als ich begonnen habe, den Roman zu schreiben, war mir die Authentizität der Zeit überhaupt nicht wichtig. Markennamen, Ausdrücke oder Lieder habe ich ganz unbewusst platziert. So wie in der Familie Rautenberg nie über die Vergangenheit geredet wurde, war es auch bei uns. Es gibt keinen Familienangehörigen, den ich hätte befragen wollen. Meine Großmutter lebt noch, sie ist jetzt 103, aber wenn ich so darüber nachdenke, erzählt auch sie, wie die meisten Menschen aus der Vergangenheit immer nur dieselben Geschichten. Das soll kein Vorwurf sein. Wir neigen alle dazu, ab einem gewissen Alter und einer Summe gelebten Lebens, die Vergangenheit als ebenso unsicher zu empfinden, wie unsere Zukunft. Man nimmt mit den Lebensjahren immer neue Perspektiven ein und betrachtet die Dinge auch rückwirkend neu. Irgendwann weiß man nicht mehr, was “wahr” war, was wirklich stimmt oder was man sich ausgedacht oder frei erfunden hat.

Boob Books: Hat Ihre Großmutter den Roman gelesen?


Eva Sichelschmidt: Ja.


Boob Books: Und wie war ihre Reaktion?


Eva Sichelschmidt: Meine Großmutter ist, seitdem sie Witwe ist, eine wirklich große Leserin, also seit etwa 25 Jahren - vorher wurde Fernsehen geguckt. Nach dem Tod ihres Mannes hat sie begonnen, Unmengen zu lesen. Inzwischen verfügt sie über eine erstaunliche Literaturkenntnis. Doch das alles schützt nicht davor, bei der Lektüre des Romans eines Familienmitglieds peinlich berührt zu sein. Und diese Peinlichkeit existiert auf beiden Seiten. Auch bei mir. Denn das Buch ist in gewisser Weise am Leben entlang geschrieben. Ihre Reaktion, die ich auch ihrem Alter zuschreibe, bestand nur aus einem Satz, aus der direkten Feststellung: “Ich wusste gar nicht, dass du so eine traurige Kindheit hattest”. Das ist natürlich für mich als Schriftstellerin sehr unbefriedigend. Ich habe ja keine Biografie geschrieben. Aber als sie das so gesagt hat, dachte ich, es ist Zeit, jetzt den Deckel zuzumachen. Auch unsere Geschichte ist längst geschrieben, über die müssen wir nicht mehr reden.

Mit dem Begriff Familienroman bin ich manchmal etwas unzufrieden. Er ist natürlich auch ein Liebesroman, wenngleich die Liebe etwas ungewöhnlich daherkommt. Er ist ein Beziehungsroman in vielen unterschiedlichen Beziehungen. Mein Leitmotiv sind die Themen Peinlichkeit und Scham. Das ist auch einer der Gründe dafür, dass das Schreiben lange gedauert hat. Die eigene Scham zu überwinden, ohne schamlos zu sein, ist schwer. Scham ist ja oft etwas Gutes, sie dient dem eigenen Schutz.


Boob Books: Ein großes Leitmotiv, das uns aufgefallen ist, waren LGBTQI* Themen und eben auch feministische Themen, wie zum Beispiel, dass nicht Inga über ihre Krankheit aufgeklärt wird, sondern ihr Ehemann. Haben Sie diese Themen bewusst in den Roman eingearbeitet?


Eva Sichelschmidt: Meine älteste Tochter bemerkte neulich, als ich mich mal wieder darüber wunderte, dass sich so viel geändert hat in relativ kurzer Zeit, dass es immer noch einen riesigen Unterschied zwischen unserem Leben hier in Berlin und dem auf dem Land gibt. Dort lebt man doch noch rückwärtsgewandter. In dem Ort, aus dem ich stamme, standen gerade die Mitglieder einer freikirchlichen Gemeinde Kopf, weil der Pfarrer sich als schwul geoutet hat. Das Merkwürdige daran war, dass es hier nicht nur die alten Leute waren, sondern auch die jüngeren, die komische Witze machten und damit nicht klar kamen. Seitdem der Pfarrer sein Coming-out gehabt hätte, würden seine Pullis von Woche zu Woche bunter, witzelte da eine Frau um die vierzig und fand das sowohl lustig wie auch den homosexuellen Kirchenmann befremdlich. Mein Roman spielt auf dem Land und beschreibt auch die Unterschiede zwischen Stadt und Land, die bis heute existieren. Ich bin mir sicher, würde ich zu einem Klassentreffen gehen, müsste ich feststellen, dass ungefähr die Hälfte meiner Mitschülerinnen Hausfrauen geworden sind. In meiner alten Heimat verdienen immer noch die Männer das Geld und viele der Ehefrauen gehen ehrenamtlichen Tätigkeiten im Frauenverein nach.


Boob Books: Sie sind eigentlich ausgebildete Kostümbildnerin. Was brachte Sie zum Schreiben?


Eva Sichelschmidt: Ich habe keinen linearen Werdegang gehabt. Mit Sicherheit hätte ich früher begonnen zu schreiben, wenn ich mich nur getraut hätte. Wie bei der Ich-Figur im Buch gab es auch in meinem Leben eine veritable Rechtschreibschwäche. Die führte dazu, dass, egal was für hübsche Aufsätze ich schrieb, ich in Deutsch immerzu schlechte Note bekam. Das hat mich dabei gehemmt, der Sache mit dem Schreiben nachzugehen, die aber eigentlich immer mein erster Berufswunsch gewesen wäre. Aber wer sagt schon mit 16: Ich will Schriftsteller werden. Schneiderin bin ich geworden, weil es bei uns keine schönen Klamotten zu kaufen gab, nichts Cooles, aber auch nichts wirklich Elegantes. Ich weiß, dass ich damals Existenzialisten-Filme geschaut habe und daraufhin unbedingt einen schwarzen Rollkragenpullover brauchte. Mein Vater musste mit mir bis nach Köln fahren, um den zu finden. Ich wollte dann so etwas wie ein Chanel-Kostüm haben, lauter Sachen, die ich mir überhaupt nicht leisten konnte - die habe ich mir dann genäht. Als ich das konnte, ist mir schnell aufgefallen, dass Kostümbild beim Film viel interessanter ist, als den ganzen Tag hinter der Nähmaschine zu hocken. Und als dann die Töchter kamen, habe ich immer mehr geschrieben.

Boob Books: Wie hat sich Ihre Schreibroutine verändert, nachdem Ihre Kinder da waren?


Eva Sichelschmidt: Ich kann früh morgens, abends und nachts schreiben. Dazwischen passiert überhaupt nichts. Da kann ich hervorragend einkaufen und mich um Kinder kümmern oder was Schönes kochen. Durch meine Kinder habe ich gelernt, mit Störungen umzugehen. Man muss als Mutter lernen, sich in ganz kurzen Intervallen zu konzentrieren und die Zeit, die man hat, zu nutzen. Früher habe ich mich divenartig beschwert, dass ein Einfall gleich weg, verloren sein könnte, wenn ich ihn nicht sofort aufschreibe. Inzwischen ist mein Gehirn so trainiert, dass ich Gedanken und Einfälle abspeichern kann. Man stellt fest, dass so ein trainiertes Gehirn eine echt eine feine Sache ist. Es wird auch immer besser trainiert, je mehr Dinge man gleichzeitig erledigen will oder muss.

Boob Books: 50 % der nominierten Bücher für den Deutschen Buchpreis wurden von Frauen verfasst. Wie nehmen Sie die Literaturbranche für Frauen wahr? Haben Sie jemals Benachteiligungen innerhalb der Buchbranche erfahren, weil Sie eine Frau sind?


Eva Sichelschmidt: Ich habe generell Probleme mit Quoten. Mir wäre es viel lieber, wir wären schon so weit, dass wir über all das gar nicht mehr nachdenken müssen. Dann hätten wir jetzt wahrscheinlich keine Liste von zehn und zehn, sondern vielleicht eine von acht und zwölf oder fünf und fünfzehn. Die Wahrscheinlichkeit, dass dann die Bücher auf der Liste stünden, die wirklich zu beachten sind, wäre im Grunde genommen größer. Das Problem mit der Shortlist entsteht ja jetzt wieder, denn die wird wahrscheinlich wieder aus drei und drei bestehen. Was aber wäre, wenn die besten Bücher von sechs Männern geschrieben worden wären? Oder umgekehrt. Mir ist dabei nicht so richtig wohl, wenn jetzt das Geschlecht dann eben doch wieder eine so große Rolle spielt.

Boob Books: Hat es denn, bevor jetzt die Quoten kamen, keine Rolle gespielt?


Eva Sichelschmidt: Ich kann mir vorstellen, dass die Buchbranche genauso wie jede andere Branche von Männern dominiert wird. Männer sind immer noch die versierteren Netzwerker und sie achten natürlich darauf, dass ihresgleichen gut vorankommt. Ich weiß vom Urgestein der Literaturszene, wie früher über Frauen geredet wurde. Wie zum Beispiel Ingeborg Bachmann auf der einen Seite begehrt wurde, aber auf der anderen Seite ihre Literatur nicht ernst genommen wurde. Es hat sich schon enorm viel verändert. Im Grunde genommen habe ich seit bestimmt zwanzig Jahren ein gutes Gefühl. Das Gute ist ja, dass Frauen viel mehr lesen als Männer. Und hier liegt die Macht der Frauen: Je mehr Frauen Literatur von Frauen kaufen, desto besser steht es um uns Schriftstellerinnen. Letzten Endes verlegt jeder Verlag am liebsten die Bücher, die erfolgreich sind. Dem Verlag ist egal, ob auf dem Buch der Name eines Mannes oder der einer Frau steht, der rollende Rubel entscheidet.


Boob Books: Vielen Dank für das Interview, Frau Sichelschmidt!

© 2020 Boob Books. Erstellt mit Wix.com

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