"Im Park der prächtigen Schwestern" von Camila Sosa Villada

Aktualisiert: Aug 23


Worum geht's?

Argentinien, Córdoba, die 90er-Jahre: Nur nachts kann Camila ihrer Identität als Transfrau Ausdruck verleihen. Zuhause hat der gewalttätige Vater (aka Patriarch der Familie) das Sagen, während die Mutter schweigend zuschaut. Vom Hass ihrer Umgebung verjagt, findet Camila schließlich einen Ort, wo sie ihresgleichen trifft. Ihre Wahlfamilie besteht aus Sexarbeitenden und Marginalisierten; starken Frauen*, die sich mithilfe von Solidarität und Lebensfreude gegen Gewalt und Ausgrenzung wehren. Jede Person innerhalb der Transgender-Gruppe hat ihre eigene Geschichte, ihr eigenes Leid. Gemeinschaft und Schwesterlichkeit lindern etwas davon.


„Wenn eine von uns traurig war, dann lud Angie sie auf was Warmes zu trinken ins nächste Lokal ein und sagte: ››Transsein ist ein Fest, meine Liebe, sieh nur, wie alle uns anstarren‹‹.“ (Im Park der prächtigen Schwestern – Camila Sosa Villada)

Camila nimmt uns mit und zeigt uns das Leben im Sarmiento-Park, das Zusammenfinden und -leben, erzählt von Tía Encarna, die in dem Moment Mutter wird, als sie ein Baby im Gestrüpp findet. Sie erzählt von María, die sich langsam in einen Vogel verwandelt. Camila zeigt uns ihr Leben, ihre Maskerade, wie sie versucht, ihre trans*-Identität als Studentin zu verbergen, während sie in den Nächten als Sexarbeiterin unterschiedlichsten Männern begegnet. Mit manchen von ihnen hat sie Sex, weil sie sie mag, doch die meisten Männer tun ihr Gewalt an.


Was Villadas Roman eigentlich tut, ist die Heuchelei der argentinischen Gesellschaft zu enthüllen. Während trans*-Menschen wie Villada tagsüber verspottet und ausgegrenzt werden, kommen nachts dann insbesondere die Männer aus der bürgerlichen Mitte an, um ihre Bedürfnisse nach Sex, Erniedrigung und Macht auszuspielen.


Gelesen auf: Deutsch

Nase zwischen den Seiten: 3 Abende und eine Mittagspause

Seitenanzahl: 220

Preis: 14,95 € (D)

Erschienen im Januar 2021 beim suhrkamp-taschenbuch-Verlag

Übersetzt: Aus dem Spanischen von Svenja Becker


Leseerlebnis:

Buchdeckel zuklappen. Innehalten. Wieder einsteigen. Das Lesen fühlte sich an mancher Stelle an, als würde ich durch die Seiten voller poetischer Sätze sprinten, bis mich eine Gewalts- oder Missbrauchsszene zum Durchatmen zwang. Also, „Fuck“ sagte ich bei diesem Buch nicht nur einmal.


Boobscore: 4 von 5 Boobs ( • ) ( • ) ( • ) ( • )

Halleluja! Ick bin ja so froh, dass endlich Bücher von trans*-Personen aus dem globalen Süden verlegt werden. Villadas Roman kriegt vier wunderschöne Boobs von mir, die ich ihr gerne kniend darbieten würde, aus Bewunderung für diesen Roman und den (ach!) tollen Schreibstil. Als Roman/teils Memoir schreit er nicht von jeder Seite INTERSEKTIONALER FEMINISMUS, sondern zeichnet das Leben von starken trans*-Personen und Sexarbeitenden in Argentinien nach. Wir bekommen ein Porträt, welches Missstände beleuchtet und uns vor Augen hält, wie wichtig Solidarität und Schwesternschaft ist - insbesondere wenn man von der Mehrheitsgesellschaft ausgegrenzt wird. „Im Park der prächtigen Schwestern“ ist zwar ein poetisches aber kein kämpferisches Manifest. Denn irgendwann gehen die Schwestern vom Sarmiento-Park ihre eigenen Wege und verlieren sich aus den Augen, obwohl sie sich brauchen.


Literarisches Feuerwerk?

Unbedingt und hundert Prozent! Die Wörter fließen, richtige Sogwirkung, der ich mich nicht entziehen konnte. Inhaltlich harter Tobak, poetisch verpackt.


Stoff zum Nachdenken:

Man hofft und fragt sich ständig: Gibt es inzwischen mehr Akzeptanz für trans*-Personen in Argentinien? Wie sieht die Situation in anderen Ländern aus, hier in Deutschland zum Beispiel? Besondere Schocker-Momente sind auf jeden Fall die dargestellten Erlebnisse von Sexarbeiter*innen. Wie kann man Sexarbeitende schützen, wie stärken und ihre Arbeitsbedingungen verbessern? Und wie kriegen wir’s hin, dass Menschen sich nicht prostituieren müssen, wenn sie nicht wollen? Jo, also der intersektionale Blick lohnt sich mal wieder: Diese Dynamik zwischen der Ablehnung von bestimmten Geschlechtsidentitäten seitens der Mehrheitsgesellschaft und Armut macht einen krass wütend und verdeutlicht nur, dass feministische Kämpfe nur gemeinsam ausgefochten werden können, in Solidarität.


Bestes Geschenk für ...

... all diejenigen, die ihre Leseerfahrung mit Perspektiven von trans*-Personen aus dem Globalen Süden bereichern wollen. Menschen, die kein Bock darauf haben, würde ich es trotzdem in die Hand drücken 😉


Happy Hour

Puh, ich schwanke zwischen Kamillen-Tee und `nem Schluck Whisky, um die Nerven zu beruhigen.


Zu dieser Lebenslage passt das Buch

Schwiiiiierig zu sagen. Am besten liest man Villadas Roman, wenn man sich nicht in einer Weltschmerz-Phase befindet.


A little Bio never killed nobody

Camila Sosa Villada wurde 1982 in der argentinischen Provinz Córdoba geboren und arbeitete als Sexarbeiterin, bevor ihr mit einem selbstproduzierten Theaterstück über ihr Leben als Transgender der schauspielerische Durchbruch gelang. Seitdem spielt sie Rollen für Film, Fernsehen und Theater, schreibt Gedichte und Romane, und gehört zu den bekanntesten Gesichtern der Trans-Community in Lateinamerika.

Das sagt Nicole über sich:

Mein Herz schlägt ja ziemlich laut für Literatur, insbesondere für feministische Sachen. Deswegen könnte ich mir immer wieder in den Arsch beißen, dass ich mich der Politikwissenschaft verschrieben habe und nicht der Literatur. Freue mich daher riesig, beide Welten bei Boob Books Ausdruck zu verleihen.



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