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  • AutorenbildJana

"Ghost Wall" von Sarah Moss



Worum geht’s?

Was würde wohl geschehen, wenn eine Handvoll Archäologie-Student*innen, ihr Professor sowie ein Geschichts-besessener Busfahrer mit seiner Frau und Tochter im Teenager-Alter zusammenkämen, um nahe der Hadrian’s Wall in England das Leben der Britonen der Eisenzeit nachzuspielen?


Sarah Moss’ Roman Ghost Wall (2018) erzählt die unheimliche Geschichte einer bunt zusammengewürfelten Gruppe von Menschen, die in Englands Natur auf den Spuren ihrer keltischen Vorfahren unterwegs sind. Sie schlafen in Hütten und Zelten, essen ausschließlich, was sie im Wald finden und erzählen sich abends am Lagerfeuer von den Mooren, die für die Kelten eine wichtige symbolische Rolle spielten. Doch so harmlos dieses "Re-Enactment"- Experiment zunächst beginnt, so schnell gerät es aus dem Ruder. Nach wenigen Tagen entfalten sich patriarchale Strukturen in der kleinen Gruppe: Die Frauen* werden zum Sammeln, Kochen und Gehorsam gedrängt, während die Männer* Hasen jagen und andere männliche Dinge tun. Und dann kommen der Busfahrer und der Professor auf eine brillante Idee, das Experiment noch ein Stück weiterzuspinnen: Was, wenn sie zusammen eine richtige Geister-Mauer errichten würden, um Feinden zu imponieren? Und was, wenn man den Mooren, nahe denen sie campen, vielleicht etwas oder jemanden opfern würde ...?


“I could sleep in [a tent] too, Dad, I said, give you and Mum some privacy, but Dad didn’t want privacy, he wanted to be able to see what I was up to” (Sarah Moss - “Ghost Wall”)

Gelesen auf: Englisch

Nase zwischen den Seiten: 1 Wochenende

Seitenanzahl: 152

Preis: ca. 16€ (E)

Erschienen September 2018 bei Granta Books, jetzt bei MacMillan

ISBN: 978-1250234957


Leseerlebnis:

Seit William Goldings Lord of the Flies hatte ich kein solch bedrückendes, gar "uncanny" Lese-Gefühl mehr: So fesselnd der Roman auch ist, so viel Unbehagen bereitet einem auch die Lektüre. Nicht etwa wegen der detailliert geschilderten Gewalt an vielen Stellen, sondern wegen der clever konstruierten Atmosphäre. Ganz behutsam baut sich das soziale Gefüge des Patriarchats auf, bis die Stimmung kippt und es wie selbstverständlich wird, dass die Männer* vorgeben und die Frauen* folgen. Und wer nicht spurt, der wird verhöhnt, gar angegriffen, oder auf andere unschöne Arten zum Gehorsam gebracht. Eine kluge, aber auch fatalistische Studie der menschlichen Psyche, wie ich finde.


Boobscore: 4 von 5 Boobs ( • ) ( • ) ( • ) ( • )

Das Unbehagen im Roman entsteht nicht nur durch die schiere Besessenheit von Bill, dem Busfahrer, mit der Re-Inszenierung der Lebensweise der Britonen. Bill etabliert mit Hilfe des Professors innerhalb kürzester Zeit patriarchale Sozialstrukturen innerhalb ihrer kleinen Experimental-Gesellschaft. Bill bestimmt: Die Frauen sammeln Essbares und bereiten es zu, natürlich pünktlich für genau den Zeitpunkt, zu dem die Männer nach Hause von der Jagd heimkehren und hungrig sind.


Während Sylvie, Bills Tochter, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird, mit Molly Beeren und Wurzeln sammeln geht, verfällt Sylvies Mutter schnell in einen apathischen Zustand, verliert jegliche Motivation, scheint nur noch als Meinungs- und willenlose Marionette von Bill vor sich hinzufristen. Auch Bills zügellose Gewalt gegenüber seiner Familie, sowohl verbal, als auch körperlich, machen Ghost Wall zu einer Geschichte, die die absolute Machtposition mancher männlicher* Familien-Oberhäupter aufzeigt. Bill züchtigt Sylvie mit dem Gürtel, wenn sie sich nicht vollständig seinen Vorgaben unterwirft, seine Frau verprügelt er regelmäßig, einfach, weil ihm danach ist. Bill kontrolliert, wie viel Haut Sylvie in der Öffentlichkeit zeigt und demütigt sie für den abstoßenden Umstand ihrer Periode. Er ist der Inbegriff eines gewalttätigen Patriarchen und Sylvie fällt es schwer, sich aus seiner Kontrolle zu befreien. Insgesamt, und auch ergänzt durch Sylvies offenkundigem Interesse am weiblichen* Geschlecht, verdient Ghost Wall insgesamt seine 4/5 Boobs.


Literarisches Feuerwerk?

Die Sprache ist recht einfach gehalten, weswegen Ghost Wall sprachlich zunächst nicht so dicht erscheint. Doch das täuscht. Ähnlich wie das Dickicht um das archäologische Camp flechtet Sarah Moss Worte zu einem wirkmächtigen Ganzen zusammen.


Stoff zum Nachdenken

Der Roman regt auf vielfältige Weise zum Nachdenken an. In Vorbereitung auf die Rezi habe ich ein wissenschaftliches Paper gelesen, dass sich mit nationalen Gesinnungen im Roman beschäftigt, quasi Pre-Brexit-Tendenzen. Bills absolute Obsession mit einer ursprünglichen britischen „Rasse“, einer Ursprungs-Identität der Briten, speist sich aus seinem Glauben an ein starkes, Immigrantenfreies UK, das wieder zur imperialen Größe aufsteigt. Gleichzeitig ist Bill als Busfahrer nicht gerade sozial hoch in der britischen Gesellschaft angesiedelt, also ist auch der Gap zwischen Reich und Arm Thema. Das Buch gibt so viel her!


Bestes Geburtstagsgeschenk für …

… alle, die sich gerne mit menschlichen Abgründen beschäftigen und schon immer wissen wollten, welche Beeren man so essen kann, wenn man das Eisenzeitalter nachspielen will.


Happy Hour

Frisches Quellwasser passt wohl am besten, oder selbst angesetzter Wein? Dazu kocht ihr dann eine Suppe aus selbst gesammelten Wurzeln und Gemüse aus dem Wald – aber Vorsicht mit den Pilzen!


Zu dieser Lebenslage passt das Buch

Wochenende und euch fehlt noch die passende Quick-Lektüre? Ghost Wall liest sich mit seinen 150 Seiten schnell runter und trotzdem fesselt jede Seite.


A little Bio never killed nobody

Die Schottin Sarah Moss, geboren in Glasgow, aber aufgewachsen in Manchester, hat sich mit ihren sechs teils preisgekrönten Romanen und mehreren Sachbüchern in der britischen Literaturszene einen Namen gemacht. Ihre Romane drehen sich oft thematisch um das Wiederempfinden einer anderen, früheren Zeit und dem damit verbundenen Gefühl von Nostalgie. Moss ist Professorin für Kreatives Schreiben in Dublin.


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