• Jana

"Die Tanzenden" von Victoria Mas



Worum geht’s?

Im Paris des späten 19. Jahrhunderts gibt es eine ganz bestimmte Einrichtung, die ebenso gefürchtet wie auch mit Faszination betrachtet wird: die Salpêtrière. In dem Hospital für vermeintlich geisteskranke Frauen versammeln sich all jene, die aus dem normalen Leben des Bürgertums verstoßen wurden: Hysterikerinnen, Melancholikerinnen, Depressive, Epileptikerinnen und Suizidgefährdete. Für Frankreichs Gesellschaft, besonders für das gehobene Bürgertum und für die Medizinstudenten um den berühmten Professor Charcot, sind diese Frauen Objekte – Marionetten, an deren Strängen man zupfen kann, damit sie für sie tanzen, wie beispielsweise auf dem jährlichen Ball im Hospital zu Mittfasten, an dem sich die „Geisteskranken“ für einen Abend zu einem beschaulichen und amüsanten Spektakel für die hohen Klassen aufputzen.

"[Charcot] hat den genauen und unbestechlichen Blick eines Arztes, der seit Jahren Frauen erforscht, von ihrer Familie und der Gesellschaft verstoßen und zutiefst wehrlos." ("Die Tanzenden" - Victoria Mas)

Abseits von der Öffentlichkeit und im Inneren des Schlafsaals der Salpêtrière offenbaren sich die wahren Ursachen hinter den psychischen Leiden der Frauen. Jede hat ihre eigene Geschichte: Sie handeln von Zwangsprostitution, häuslicher Gewalt, sexuellem Missbrauch, unendlicher Armut und Hilflosigkeit. Über all diese Frauen wacht mit strengem Auge die krankenschwesterliche Aufseherin Geneviève, die für Ordnung sorgt, doch keine Zuneigung und keine Wärme für die Insassinnen empfindet, die nie wieder die Welt außerhalb der Salpêtrière sehen werden. Doch alles ändert sich, als die 19-jährige Eugénie von ihrem Vater eingewiesen wird. Diagnose: Eugénie hört Stimmen, ist verrückt und aggressiv. Doch Eugénie erklärt sich selbst als ein Medium, das in der Lage ist, mit Geistern der Verstorbenen zu sprechen. Zwischen Geneviève und Eugénie entspinnt sich eine seltsame Verbindung, die nicht nur Genevièves faktische Weltansicht infrage stellt, sondern auch ihre Sicht auf die Frauen: Wer ist wirklich verrückt und wer wird zur Verrückten erklärt?

Gelesen auf: Deutsch

Nase zwischen den Seiten: 4 Abende

Seitenanzahl: 240

Preis: 20,00€ (D)

Erschienen im Juli 2020 bei Piper

ISBN: 978-3492070140


Tipps & Tits

Führt vielleicht zu weit weg vom Buch, aber ich hab mich vor der Lektüre von Die Tanzenden mit dem Phänomen „Shell Shock“ bei Soldaten im ersten Weltkrieg beschäftigt. Die Parallelen ihrer Symptome zu den vermeintlichen Hysterikerinnen sind verblüffend und deuten eher auf ein unterdrückendes Gesellschaftssystem hin, das in tradierten Bildern von „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“ verankert ist. Wer Bock hat auf mehr, hier gibt’s einen spannenden Artikel dazu.

Boobscore: 3 von 5 Boobs ( • ) ( • ) ( • )

Die Tanzenden manifestiert so einige Themen auf seinen Seiten, die unwahrscheinlich relevant sind in Bezug auf die Geschichte der Gleichstellung und der systemverankerten Unterdrückung der Frau: In Victoria Mas‘ Roman wird Hysterie und Geisteskrankheit zum Machtinstrument, welches gezielt von Männern (und auch Frauen) genutzt wird, um Hierarchien zu etablieren und aufrechtzuerhalten. Frauen, die sich nicht in ihre gesellschaftlich vorgeprägten Rollenbilder fügen wollen, werden der Einfachheit halber für verrückt erklärt – dieses Zeugnis macht sie wiederum kontrollierbar für das Patriarchat. Doch nicht immer fügen sich die Puppen den Vorgaben ihrer Spieler: Manchmal brechen die Frauen in der Salpêtrière schreiend zusammen und der hysterische Krampf kann natürlich nur durch gezielte Druckbewegungen auf die Eierstöcke wieder behoben werden. Wer sich diese absolut sinnvolle Behandlung wohl ausgedacht hat? Ein Mediziner, denn er muss es schließlich in seiner akademischen (und männlichen) Überlegenheit wissen. Und eben jener Arzt schert sich auch nicht um die Meinungen von Krankenschwestern, die sich jahrzehntelang um diese verstoßenen Frauen kümmerten, auch wenn er bloß gelegentlich hereinschneit, um die Frauen wie dressierte Zirkustiere seinen Studenten vorzuführen.


"Für diese Leute, ob Bürgerliche oder Proletarier, die schon die geringste Andersartigkeit verschreckt, hat der Gedanke an die geisteskranken Frauen etwas Erregendes und Beängstigendes zugleich. Die verrückten Frauen faszinieren sie und flößen ihnen Entsetzen ein." ("Die Tanzenden" - Victoria Mas)

Auch wenn die Charaktere in Die Tanzenden mir oft zu black and white konstruiert waren und manchmal fast ins stereotypische übergingen, führt uns der Roman doch vor Augen, dass wir es hier keineswegs mit reiner Fiktion zu tun haben, sondern mit realen Begebenheiten, die noch vor gar nicht allzu langer Zeit die gesellschaftliche Norm darstellten. Ein Gedankenexperiment, das die Aktualität aufzeigt: Mit welchem Geschlecht assoziiert ihr das Wort „hysterisch“ - männlich oder weiblich? Alte Muster prägen sich doch nachhaltig ein und sind immer noch präsent, was den Roman sehr zeitgenössisch erscheinen lässt. Mein Kritikpunkt am Buch bleibt jedoch, und deswegen gibt’s auch nur drei Boobs, dass Die Tanzenden mir zu sehr „in your face“ ist: Die feministische Kritik wird nicht subtil in der Handlung, in den Reaktionen und Verhaltensweisen der Charaktere, in Metaphern und im Schreibstil alleine transportiert. Manchmal finden sich Sätze im Buch, die einen gerade mit dem Bedeutungs-Zaunpfahl verkloppen, was dann wiederum (für mich) den feministischen Gehalt etwas untergraben hat. Der wirkt für mich am besten, wenn er zwischen den Zeilen wirkt und einem nicht ins Gesicht springt. Hierzu passt auch unsere Rezension zu Miroloi von Karen Köhler, in der wir ähnliche Beobachtungen angestellt haben. Aber nichtsdestotrotz – ein spannendes Buch, was vor allem gegen Ende an Fahrt aufnimmt und dem Thema der Hysterie als systematischem Machtfaktor Raum gibt.

Literarisches Feuerwerk?

Das Buch liest sich ruck, zuck runter – simple Sätze, klare Handlung. Die Sprünge zwischen Gefühlsregungen waren mir öfter mal zu hakenschlagartig konstruiert und die Charaktere nicht dreidimensional genug.

Stoff zum Nachdenken

Mich hat vor allem im Nachgang beschäftigt, wie einfach es im 19. Jahrhundert war, ungefügige Frauen als wahnsinnig zu stigmatisieren und durchs Wegsperren die gesellschaftliche Ordnung zu entschärfen. Das lässt mich zumindest grübeln, an welchen Stellen in der Gesellschaft ähnliche Strukturen immer noch am Werk sind.

Bestes Geburtstagsgeschenk für …

… all diejenigen, die sich gerne mit einem leicht zu lesenden Buch in die Balkonsonne begeben. Macht trotz der schweren Thematik wirklich Spaß.

Happy Hour

Orangen- oder Mandellikör bei Tanzstimmung. Absinth bei philosophischer Opiumhöhlen-Stimmung (ja, so was soll’s geben).

Zu dieser Lebenslage passt das Buch

Flotte Geschichtsstunde gefällig, die sich mit der systematischen Unterdrückung der Frau im Patriarchat des 19. Jahrhunderts auseinandersetzt, besonders durch den medizinischen Sektor? Dann ist Die Tanzenden eure Lektüre. Ist aber auch dann interessant, wenn ihr nichts Bestimmtes im Sinn habt. Ich habe jedenfalls wieder viel gelernt, weil das Buch einen damit konfrontiert, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen.

A little Bio never killed nobody

Victoria Mas wurde 1987 in Frankreich geboren, studierte und arbeitete eine Zeit lang in den Vereinigten Staaten von Amerika u. a. als Übersetzerin und als Fotografin, bevor sie zurück nach Frankreich für ein Literaturstudium an der renommierten Sorbonne-Universität kam. Die Tanzenden ist der Debütroman der Journalistin und Autorin und räumte bereits mehrere Preise ab, u. a. den Prix Stanislas. Hier noch eine weitere coole Rezi vom NDR.


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