"Insel der verlorenen Erinnerung" von Yoko Ogawa


Worum geht’s?

In Yoko Ogawas Roman dreht sich alles um das Verschwinden von Erinnerungen. Tag für Tag bemerken die Bewohner*innen der Insel, auf welcher der Roman spielt, dass sie die Erinnerungen, Gedanken und Namen für bestimmte Gegenstände vergessen haben. Zuerst trifft es Spieluhren, Parfümflakons und Brausetabletten. Doch dabei bleibt es nicht – auch Bücher, Rosen und Vögel geraten irgendwann in Vergessenheit. Nachdem sich ein Gegenstand aus den Gedanken der Bewohner*innen verabschiedet hat, sammeln sie jedes Exemplar davon ein und vernichten es, bis nicht nur ihre Erinnerungen, sondern auch die Dinge selbst verschwunden sind. Kontrolliert werden sie von der sogenannten Erinnerungspolizei, die jene Menschen aufspürt, die nicht vergessen können – so auch die Mutter der Ich-Erzählerin. Die Mutter der Erzählerin bewahrte verschwundene Gegenstände auf und wehrte sich gegen das Vergessen. Doch eines Tages wurde auch sie von der Erinnerungspolizei abgeholt und verschwand. Seit dem Tod ihres Vaters lebt die junge Ich-Erzählerin nun allein im Haus ihrer Eltern. Sie arbeitet als Autorin und ihre einzigen Freunde sind der alte Fährmann und ihr Verleger R.. Eines Tages erfährt sie, dass R., wie ihre Mutter, nicht vergessen kann. Daraufhin beschließt sie, ihn zu verstecken. Gemeinsam mit dem alten Fährmann richtet sie ein Versteck in ihrem Haus ein, in dem R. sicher ist. Als immer mehr Gegenstände verschwinden, versucht R. die Ich-Erzählerin und den alten Mann vor dem Vergessen zu bewahren.


Gelesen auf: Deutsch Nase zwischen den Seiten: 10 Abende Seitenanzahl: 352 Preis: 22,00€ Erschienen im September 2020 bei Liebeskind ISBN: 9783954381227


Leseerlebnis: Der schön gestaltete Umschlag des Buches hat mich sofort angezogen. Darauf zu sehen ist das fragmentierte Gesicht einer jungen Frau, die sich scheinbar unter dem Druck eines übermächtigen Staates verliert. Auch die Lobeshymnen auf der Rückseite, unter anderem von The Guardian, versprachen ein großes Meisterwerk der dystopischen Literatur à la 1984 von George Orwell (in dem es übrigens eine „Gedankenpolizei“ gibt). Leider konnte das Buch diese Erwartungen, meiner Meinung nach, nicht erfüllen. Trotz der interessanten Ausgangsidee plätscherte die Handlung nur langsam dahin und entwickelte in seinen über 350 Seiten keinen spannenden Plot.


Literarisches Feuerwerk? Inhaltlich hat mich das Buch sehr enttäuscht. Die Vision der dystopischen Welt, die die Autorin konstruiert, ist unkonkret und kurzsichtig. Es werden weder das zugrundeliegende politische System noch die Bedeutung und Mechanismen des Vergessens/Erinnerns herausgearbeitet. Zum Beispiel erfahren wir nie, warum all das passiert und welches politische System vom Vergessen profitiert. Stattdessen bleibt das Buch sehr auf die einzelnen Individuen, deren Herzen durch das Vergessen „verkümmern“, beschränkt. Gleichzeitig sind auch die Figuren flach und eindimensional gestaltet. Selbst nachdem die Protagonist*innen versuchen, die Erinnerungen an die verlorenen Gegenstände wiederherzustellen, kommt es weder zu einer Entwicklung der Charaktere noch zu einer Veränderung des politischen Systems. Die Aussage des Buches scheint zu sein, dass Menschlichkeit in einem totalitären System unweigerlich verkümmert.


Sprachlich hat mir das Buch gefallen, da es unaufgeregt und geradlinig erzählt ist. Trotzdem hätte die Autorin die Sprache interessanter einsetzen können. Sie hätte das Verschwinden der Gegenstände, das sich in der Geschichte auch durch das Auslöschen von Wörtern und Namen ausdrückt, literarisch für sich nutzen können. Da das Buch aus der Ich-Perspektive erzählt ist, hätte die Sprache der Erzählerin immer mehr Lücken aufweisen können, wodurch der Effekt des Verschwindens begreifbar geworden wäre. Stattdessen tauchen nicht nur Namen von verschwundenen Gegenständen, aber auch Erinnerungen immer wieder im Buch auf. Somit entsteht der Eindruck, dass die Autorin ihre Idee nicht konsequent im Roman umgesetzt hat.


Boobscore: 1 von 5 Boobs ( • )

Aus feministischer Perspektive lässt sich das Buch in zwei Richtungen lesen. Einerseits könnte man sagen, dass es den weiblichen Widerstand gegen ein patriarchales System darstellt. Dieses System zeigt sich vor allem in der Erinnerungspolizei, die stets nur als männlich und extrem unterdrückend auftritt. Das Aufbegehren der Ich-Erzählerin, indem sie ihren Freund versteckt, habe ich einerseits als erfolgreichen Widerstand dagegen gesehen.

(ACHTUNG Spoiler!) Andererseits erzählt das Buch in zwei Handlungssträngen von der Auslöschung der Frau. Die Ich-Erzählerin schafft es trotz ihres Widerstands nicht, am Leben zu bleiben und die verlorenen Erinnerungen zurückzuholen. Schlussendlich fallen auch ihr Körper und ihre Stimme dem Vergessen zum Opfer.

Auch in dem Roman, den die Ich-Erzählerin schreibt und den wir als parallele Erzählung zu lesen bekommen, geht es um eine Frau, die sich langsam auflöst. Sie ist Schülerin in einem Schreibmaschinenkurs und verliebt sich in ihren Lehrer. Eines Tages geht ihre Stimme verlorenen, wodurch sie nur noch mithilfe ihrer Schreibmaschine kommunizieren kann. Dann lässt sich plötzlich ihre Schreibmaschine nicht mehr bedienen, woraufhin ihr der geliebte Schreibmaschinenlehrer erklärt, dass er ihre Stimme in der Schreibmaschine eingeschlossen hat. Er nimmt sie gefangen und benutzt sie als sein Spielzeug, wie er es mit vielen anderen Frauen davor getan hat. Am Ende dieses Handlungsstrangs vergisst er sie und ihr Körper löst sich auf, während ihr Geliebter sich an der nächsten Frau vergeht. Dass die Romanfigur es nicht schafft, sich aus der toxischen Beziehung zu lösen, während auch ihre Schöpferin selbst im Nichts aufgeht, ist eine mehr als hoffnungslose Darstellung von weiblicher Unterdrückung und Gewalt gegen Frauen.

Man kann es der Autorin sicherlich anrechnen, dass sie das Thema Gewalt gegen Frauen in repressiven Systemen anspricht und den weiblichen Widerstand (wenn auch noch so erfolglos) in den Mittelpunkt ihrer Erzählung rückt. Trotzdem kommt es aufgrund der fehlenden Entwicklung der Frauenfiguren im Buch kaum zu einer Emanzipation der weiblichen Charaktere. Vielmehr müssen sie sich im Laufe der Geschichte alle dem Patriarchat unterordnen – das Gegenteil von Empowerment.

Stoff zum Nachdenken:

Das Buch hat mich zum Nachdenken angeregt, da es die Frage aufwirft, wie sehr ein repressiver Staat das Leben der Menschen einschränkt und durch Angstausübung ihre Mitwirkung erzwingt. Gleichzeitig stellt das Buch durch die zwei parallelen Handlungen eine Verbindung zwischen einem patriarchalen Staat und einer gewaltvollen heterosexuellen Beziehung her. Es zeigt dadurch, dass das Patriarchat sowohl im Privaten als auch im Politischen agiert.

Bestes Geburtstagsgeschenk für ... … für Menschen, die sonst noch keine Dystopien gelesen haben. Dann sind sie wenigstens nicht durch den direkten Vergleich enttäuscht.


Happy Hour: Wie wär’s mit Sake? Passt zur Nationalität der Autorin und außerdem kann ein bisschen Alkohol diesem Buch nur helfen.

Zu dieser Lebenslage passt das Buch: Für stille, verschneite Abende zuhause – dann könnt ihr die Atmosphäre des Buches am besten nachvollziehen.

A little Bio never killed nobody

Yoko Ogawa ist eine 1962 geborene, japanische Schriftstellerin. Sie hat für ihre Werke mehrere Preise gewonnen, darunter der Yomiuri-Literaturpreis und der Tanizaki-Jun’ichirō-Preis. Das Buch Insel der verlorenen Erinnerung, das bereits 1994 in Japan erschien, wurde 2020 neu aufgelegt und gelangte auf die Shortlist des International Booker Prize. Laut Lisette Gebhart gehört sie der sogenannten japanischen „Moratoriumsliteratur“ an, die sich vor allem durch Nostalgie und eine Liebe zu Retro-Kulissen und -Erzählungen auszeichnet. Das ist "Die Buch" - der feministische Buchpodcast: 2020 starteten Julia und Sophie aus Wien gemeinsam den feministischen Buchpodcast “Die Buch”. In ihrem Podcast geht's um Bücher von Frauen* und Themen, die uns als Menschen bewegen - für Bücherwürmer, Lesefaule, Feminist*innen und alle, die es noch werden wollen. Jeden 2. Mittwoch gibt es eine neue Podcastfolge. Außerdem haben “Die Buch”-Mädels einen tollen Instagram-Account mit starken Zitaten und den spannenden Büchern, die sie aktuell besprechen.


Quellen:


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