• Jana

"Die Elenden" von Anna Mayr



Worum geht’s?

Auch wenn der Titel zunächst an Victor Hugos berühmtesten Roman erinnert, ist der Text von Anna Mayr so ganz und gar nicht der Fiktion entsprungen. Damit will ich sagen: Es geht nicht um die erfundenen “Elenden”, sondern es geht um die Armen in der Welt, vor allem aber in Deutschland. Präziser gesagt: Das Sachbuch befasst sich mit dem sozialen Stand der Arbeitslosen in der Bundesrepublik, beziehungsweise, wie diese gerade in Abgrenzung zu anderen “Gesellschaftsschichten” nicht nur allgemein betrachtet, sondern auch von der Politik behandelt und von den Medien nachgezeichnet werden.

Anna Mayr, selbst Tochter von Langzeitarbeitslosen, geht in ihrem Buch der Frage nach, welche politischen Entscheidungen über die letzten Jahrzehnte u. a. dazu geführt haben, dass die Armen gesellschaftlich da stehen, wo sie im Allgemeinen wahrgenommen werden: ganz unten. Sie nimmt sich den Sinn von Förderprogrammen für Kinder von Arbeitslosen vor, analysiert klug die “Angst” vorm sogenannten Abstieg, beschreibt die Spirale, in die man in der Arbeitslosigkeit geraten kann und erklärt, warum das bedingungslose Grundeinkommen den Krater zwischen arm und reich nur weiter aufreißen würde. Zwischendrin pinnt sie immer wieder eine persönliche Anekdote, eine Erfahrung aus ihrem eigenen Leben an die Textwand, um deutlich zu machen: Ich weiß, wovon ich spreche und ich weiß, wie diejenigen, die nie Arbeitslosigkeit erfahren haben, diese typischerweise stigmatisieren. Ein Sachbuch, das dringend uns allen zu empfehlen ist. Ich werde es bestimmt noch oft zur Hand nehmen und noch öfter empfehlen.

"Meine Mutter, die rauchend auf dem Balkon sitzt und mir sagt, dass Mädchen nicht dümmer als Jungs, sondern dass man ihnen das nur einredet." ("Die Elenden" - Anna Mayr)

Gelesen auf: Deutsch.

Nase zwischen den Seiten: 2 Abende und ein Nachmittag

Seitenanzahl: 208

Preis: 20,00€ (D)

Erschienen im August 2020 bei Hanser Berlin

ISBN: 978-3446268401

Leseerlebnis

Das Buch habe ich im Urlaub gelesen und mir, auch dadurch bedingt, eins der prägendsten Leseerlebnisse beschert, die ich seit Langem hatte: Den Luxus zu besitzen, in der Toskana mit hochgelegten Füßen ein Buch über die Arbeitslosen in Deutschland zu lesen, hinterließ einen richtig üblen Nachgeschmack, gespeist aus der zwangsläufigen Reflexion über die Ironie der Situation. Gleichzeitig wiederum bin ich selbst in ähnlichen Verhältnissen aufgewachsen und fühlte mich den beschriebenen Umständen nahe, aber musste auch mit Erschrecken feststellen, wie schnell man selbst in die Falle des Sich-Abgrenzens und der Angst vor dem vermeintlichen Abstieg tappt.

Boobscore: 2 von 5 Boobs ( • ) ( • )

Ehrlich, ich hätte diesem Buch gerne so viele Boobs mehr gegeben. Ich hätte es mit Boobs überschüttet wie ein Brautpaar mit trockenem Reis. Denn es ist für mich wirklich einer dieser Texte, der mir noch lange nachgehen und der mich viel beschäftigen wird. Er ist sauber recherchiert, hochinteressant zu lesen und ruft in unverbittertem Ton und mit Stolz zu mehr Wut über die Zustände auf - denn nur durch Wut kann sich nachhaltig, kann sich “transformativ” etwas ändern, so Anna Mayr. Doch in dem Buch geht es nicht um Female Empowerment in spezieller Sache. Es geht um das Empowerment einer ganzen Ebene unserer Gesellschaft, die der Arbeitslosen. Und es geht um den Appell für mehr Verständnis von anderen Teilen der Gesellschaft, nämlich denjenigen, die nicht arbeitslos sind. Und es geht um den Zuruf nach weniger Angst vor diesen Elenden, die wir in Deutschland erfolgreich als Andersartige ausgegrenzt haben.

"Die Arbeitslosen sind diejenigen, die aus allen anderen Räumen herausgedrängt werden. ... Ihr Raum ist der, den keiner will." ("Die Elenden" - Anna Mayr)

Die Frauen* kommen in Anna Mayrs Buch meistens als Teil des Ganzen vor. Als Tochter von Langzeitarbeitslosen wirft sie selbst eher einen besonderen Fokus auf die Kinder von Arbeitslosen und wie diese vom Staat “rechtlich” behandelt werden: Sie werden quasi schon als Sozialfall noch vor der Pubertät und erst recht vor dem Schulabschluss abgestempelt. Das macht traurig, es macht tatsächlich wütend, wütend vor allem über die Unwissenheit, dass den Kindern beinahe schon systematisch eine gewisse gesellschaftliche Schicht zugeordnet wird: Da kommst du her, da gehörst du hin. Gleichzeitig hätten wir uns für Boob Books natürlich mehr Content gewünscht zu den arbeitslosen Frauen, die gewiss mit Herausforderungen konfrontiert sind, die arbeitslose Männer nicht so häufig oder gar nicht haben, wie beispielsweise Kinderbetreuung, Kindererziehung, häusliche und sexuelle Gewalt … und auch ganz alltägliche Dinge wie: Finanzierung von Hygiene-Produkten? Trotzdem: Ein sehr gutes und lesenswertes Buch. Würden wir hier generelle Empowerment-Scores vergeben, würde das Buch viele bekommen.

Literarisches Feuerwerk?

Als journalistischer Text definitiv gut gemacht und anschaulich geschrieben. Liest sich wie eine lange ZEIT- oder SPIEGEL-Reportage, gepfeffert mit viel Ironie.

Stoff zum Nachdenken

Über so, so, SO viel. Seit Carlotta und ich bei Boob Books bloggen, habe ich mir bei noch keinem Buch zuvor dermaßen viele Zitate herausgeschrieben, zu denen ich zurückkehren möchte. Ok, stimmt nicht ganz, Frankissstein habe ich für die Masterarbeit komplett auseinandergenommen. Aber das zählt nicht. Von Die Elenden blieb bei mir hängen, wie politisch Armut ist, wie viel Angst vor dem vermeintlichen Abstieg mitschwingt, wenn wir uns von Arbeitslosen abgrenzen, wie Medien und andere Institutionen unsere Wahrnehmung von Arbeitslosen und von Armut prägen (Stichwort: Sozialschmarotzer). Vor allem aber bewegte mich, was Anna Mayr über die Kinder in Armut schrieb.

Bestes Geburtstagsgeschenk für …

… alle, die nicht arbeitslos sind. Für mehr Selbstreflexion und mehr Verständnis. Und für alle, die arbeitslos sind. Denn diese können sich den Kauf des Buches wahrscheinlich nicht leisten.

Happy Hour

Hierzu passt ehrlich gesagt nichts. Damit will ich nicht sagen, dass das Buch keinen Konsum beim Lesen erlaubt. Nur möchte ich nichts empfehlen, da ich nicht gleichzeitig das Buch hätte konzentriert lesen und etwas zu mir nehmen können.

Zu dieser Lebenslage passt das Buch

Im Nachhinein finde ich, das Buch passt hervorragend zu Situationen, in denen man sich gerade besonders wohl in seinem eigenen Wohlstand räkelt (aka Urlaub). Denn dann entfaltet der Text seine Wirkmacht am besten und pusht einen umso mehr dazu, sich auf das Thema einzulassen und

A little Bio never killed nobody

Anna Mayr wurde 1993 im Ruhrgebiet geboren. In der Schule schrieb sie für Lokalzeitungen, gründete ihre eigene Schülerzeitung und ging nach dem Studium, das ihr durch die Heinrich-Böll-Stiftung finanziert wurde, an die Journalistenschule in München. Inzwischen hat sie bei renommierten Stationen wie der ZEIT gearbeitet und textet als freie Journalistin. Sie arbeitete an Recherchen mit, die für den Deutschen Reporterpreis und den Nannen Preis nominiert waren. 2018 nahm sie das Medium Magazin als eine der „Top 30 bis 30”-Journalist*innen auf.


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