"Der Zopf" von Laetitia Colombani


Worum geht’s?

Drei Frauen, drei Leben, drei Welten – und doch sind ihre Geschichten gekonnt miteinander verflochten. Wie? Durch (ihre) Haare.


Smita lebt mit ihrer Familie in Badlapur, Indien, am Rande der Gesellschaft und der Menschlichkeit. Sie sind Dalits, die in die unterste Gruppe der hinduistischen Gesellschaft. Ihr Leben gleicht einer Höllensymphonie in Endlosschleife: Als Scavenger, was so viel bedeutet wie „Schmutzsammlerin“ – eine noch nette Bezeichnung für das, was sie wirklich tut – sammelt sie den ganzen Tag über mit bloßen Händen die Scheiße der anderen auf. Ein Dasein, das von einer Generation an die nächste vererbt wird. Unweigerlich wird dieses Schicksal auch ihre Tochter Lalita ereilen. Aber Smita kämpft für sie. Ihre Tochter soll zur Schule gehen und Lesen und Schreiben lernen. Der Preis dafür ist hoch. Smita opfert zuletzt sogar das Kostbarste, was sie besitzt.


Giulia hat mit 20 Jahren nach dem Unfall ihres Vaters plötzlich die Verantwortung für den Lanfredi-Familienbetrieb. Dort fertigen die Arbeiter*innen schon seit fast einem Jahrhundert aus ausgefallenen oder abgeschnittenen Haaren Toupets und Perücken an. Doch Giulias Vater hatte ein Geheimnis, das den Betrieb und auch die Familie in großes Unglück stürzen wird. Der einzige Ausweg: Giulia soll einen Mann heiraten, den sie nicht liebt, um ihre Familie zu retten.


Sarah Cohen ist alleinerziehende Mutter von drei Kindern, erfolgreiche Mitgesellschafterin in der Kanzlei „Johnson & Lockwood“ in Montreal, Kanada, und mit knapp 40 sehr attraktiv. Den Status als Powerfrau hat sie sich hart erkämpft.


„Die Rolle ist gelernt, geprobt und wird gespielt, jeden Tag, jede Woche, jeden Monat, das ganze Jahr. Mutter, Führungskraft, Powerfrau mit Sexappeal, It-Girl, Superheldin – die Etiketten, mit denen die einschlägigen Magazine Frauen wie sie versehen, sind zahlreich und wiegen tonnenschwer.“ ("Der Zopf" - Laetitia Colombani)

Mit jedem Satz, den man über Sarahs Geschichte liest, wird allerdings auch der schöne Schein deutlicher, aus dem ihr Leben besteht. Als Sarah erkrankt, stürzt die Fassade ein und ihr wird klar, dass man in einem Haifischbecken nicht bluten sollte.

Gelesen auf: Deutsch

Nase zwischen den Seiten: 5 Tage

Seitenanzahl: 283

Preis: 20,00 € (D) (Hardcover)

Erschienen im September 2018 im S. Fischer Verlag

ISBN: 978-3-10-397351-8

Tipps & Tits

Ich habe mich während des Lesens immer wieder gefragt, welcher der drei Frauen ich am ähnlichsten bin und auch welche ich gerne sein würde. Schnell habe ich mich dabei ertappt, dass ich Sarah am meisten bewundert habe. Sie hat auf den ersten Blick alles: Familie, Karriere, Sexappeal. Ein Leben wie aus einem Hochglanzmagazin. Gleichzeitig ist jede Sekunde ihres Tages genau geplant, sie spricht von einer Rolle, die sie spielt und von der Kunst der Verstellung, die sie bis zur Perfektion verinnerlicht hat. Blickt man hinter die Fassade, merkt man sehr schnell, dass nicht alles Gold ist, was glänzt. Das gilt eben nicht nur für Sarah, sondern wahrscheinlich auch für die Menschen aus den Hochglanzmagazinen oder für die perfekten Leben der Instagram-Sternchen. Man kennt die Leute nicht, weiß nicht, wie ihre Leben wirklich sind, denn sie zeigen nach außen meistens ja auch nur die schönen Seiten ihrer Welt. Wieso bewundere ich diese Leute also so schnell? Viele Fragen und Gedanken, die mir während des Lesens kamen. Achtet doch auch mal darauf, für welche Figur im Buch ihr Sympathie entwickelt und fragt euch gleichzeitig, warum das so sein könnte. Ich garantiere, ihr kommt zu sehr interessanten Erkenntnissen über euch selbst.


Boobscore: 4 von 5 Boobs ( • ) ( • ) ( • ) ( • )

Der Zopf bekommt von mir 4 von 5 Boobs. Wir haben im Roman drei Frauen, die auf ihre ganz eigene Weise Stärke und Kampfgeist zeigen: Smita setzt sich mit allen Mitteln dafür ein, dass ihre Tochter es mal besser hat als sie und zur Schule gehen kann. Giulia will den Familienbetrieb erhalten und ihr Leben selbst bestimmen und Sarah kämpft dafür, nicht auf ihre Erkrankung reduziert zu werden. Schade ist dabei, dass andere Frauenfiguren im Roman oft nicht zu ihnen halten und teilweise sogar gegen sie kämpfen: Sowohl Giulias Schwestern als auch ihre Mutter drängen sie zur Heirat mit einem reichen Italiener, um dadurch die Fabrik vorm Bankrott zu retten. Sie sind gar nicht daran interessiert, eine andere Lösung zu akzeptieren. Sarah hingegen wird von ihrer Kollegin in der Kanzlei verraten, und das, obwohl die Kanzlei von Männern* dominiert und beherrscht wird und es für Frauen* eh schon schwer ist, sich dort durchzusetzen. Außerdem spricht Colombani das Kastensystem in Indien an, in dem die untersten Kasten, und vor allem Frauen* in den untersten Kasten, weit weg sind von dem, was wir als akzeptables Leben bezeichnen würden.


„Überall ist die Luft verpestet, die Ströme, die Flüsse, die Felder, alles ist durch Tonnen von Exkrementen verschmutzt. Die Krankheiten breiten sich aus wie ein Lauffeuer. Die Politiker wissen es: Dringender als jede Reform, als soziale Gleichheit, sogar als Arbeitsplätze fordert das Volk Toiletten. Das Recht, in Würde seine Notdurft zu verrichten. In den Dörfern sind die Frauen gezwungen, bis zum Anbruch der Dunkelheit zu warten, um auf die Felder zu gehen, wo sie vielfältigen Übergriffen ausgesetzt sind.“ ("Der Zopf" - Laetitia Colombani)

Frauen* werden von ihren Männern* geschlagen, wie Sklaven behandelt und sind dementsprechend auch nichts wert. Smita ist froh, dass ihr Mann ihr erlaubt hat, ihre Tochter zu behalten, denn Mädchen werden oftmals kurz nach der Geburt getötet. Aber auch in den westlichen Ländern hapert es, z. B. was Gleichbehandlung von Mann* und Frau* im Job angeht. Sarahs Anwaltsbüro ist für Chauvinismus bekannt. Die meisten Angestellten sind weiblich und doch ist Sarah die erste Frau, die zur Teilhaberin aufgestiegen ist. Es ist erschreckend, dass Sarah das Gefühl hat, sie muss ihre Schwangerschaft und ihre Kinder am Arbeitsplatz verbergen, weil sie sonst nicht als ihren Kollegen ebenbürtig gesehen wird.


„Es kam besser an, früher zu gehen, weil man eine Verabredung zu einem Drink hatte, als einen Engpass mit dem Babysitter anzudeuten. Es empfahl sich eher zu lügen, eine Ausrede parat zu haben, irgendeine Geschichte zu erfinden, alles war vorteilhafter als zuzugeben, dass man Kinder hatte, mit anderen Worten: Fesseln, Bande, Verpflichtungen. Etwas, das die Verfügbarkeit einschränkte, die Entwicklung der Karriere ausbremste.“ ("Der Zopf" - Laetitia Colombani)

Alles in allem ein Roman mit durchaus starken Protagonistinnen und relevanten Themen, die einen zum Nachdenken bringen.


Literarisches Feuerwerk?

Colombani schreibt sehr ausdrucksstark und bildlich, vor allem wenn sie von Giulia in Sizilien erzählt. Da spürt man schon fast die frische Luft in den Haaren und die Sonne auf der Haut. Sie verwendet außerdem viele Vergleiche. So vergleicht sie bspw. Giulia und ihre Mutter auf humorvolle Weise mit Pasta: „Giulia verschlingt Bücher wie andere Menschen Canneloni“ oder „Ihr Vater wacht über die Haare wie ihre Mamma über die Pasta“. Die Sätze sind durch viele Aufzählungen und Aneinanderreihungen häufig sehr lang. Durch die anschauliche und bildhafte Sprache wirken sie aber weder endlos noch ermüdend. Die Geschichten von Sarah, Giulia und Smita sind jeweils in kurze Kapitel gegliedert, was auch dazu beiträgt, dass sich der Roman super lesen lässt. Definitiv eine Rakete am Himmel des literarischen Feuerwerks.


Stoff zum Nachdenken

„Sie entspricht dem Bild der perfekten Frau aus den Hochglanzmagazinen. Ihre Verletzung kann man nicht sehen, sie ist für andere nicht erkennbar hinter ihrem makellosen Äußeren. Und dennoch existiert sie. Es geht Sarah wie Tausenden Frauen im ganzen Land, ihr Leben zerfällt in zwei Teile. Sie ist eine tickende Zeitbombe.“ "Der Zopf" - Laetitia Colombani)

Das Zitat aus dem Buch hat mich lange nicht losgelassen. Vielleicht sogar, weil es mir aus der Seele spricht. Viele von uns tragen ihre Verletzungen verborgen mit sich, zeigen sie nach außen nicht aus Angst, auf negative Reaktionen zu stoßen. Natürlich ist es auch in Ordnung, wenn man seine Verletzungen nicht zeigen will, weil sich dahinter ja meistens sehr persönliche Geschichten verbergen, sei es ein Streit, der einen stark mitgenommen hat, eine Trennung, ein Verlust, oder eine Krankheit wie in Sarahs Fall.


Aber man sollte keine Angst davor haben müssen, für seine schwächere Seite verurteilt oder in eine Schublade gesteckt zu werden. Sarah versteckt ihre Erkrankung vor ihren Kolleg*innen, weil sie genau weiß, dass sie als schwach abgestempelt und degradiert werden wird, wenn es rauskommt. Und genauso passiert es auch. Ich denke, es ist wichtig, von diesem Idealbild wegzukommen oder es anders zu definieren. Auf Social Media zeigen sich immer mehr Nutzer*innen lebensnaher, ungeschminkt oder teilen auch mal ihr Unglück mit der Community. Aber noch zu wenig – mich eingeschlossen. Zu sehr ist man darauf bedacht, nach außen hin ein makelloses Ich ein perfektes Bild von sich zu zeigen. Ich denke, man sollte versuchen immer im Hinterkopf zu behalten, dass niemand perfekt ist oder ein perfektes Leben hat. Die Menschen, die auf Instagram freudig in die Kamera lächeln, können im selben Moment todunglücklich sein und man sieht es nicht und die ‚perfekten Frauen* aus den Hochglanzmagazinen‘ glänzen auch nur auf den bearbeiteten Seiten.


Bestes Geburtstagsgeschenk für …

… blond, braun, schwarz, bunt. Kurz, lang, mittel. Dick oder dünn. Ob mit oder ohne Haare – das Buch ist ein tolles Geschenk für eigentlich alle. Für starke Menschen, die vielleicht gerade ein bisschen Inspiration brauchen oder für Menschen, die gerade etwas Aufmunterung gebrauchen könnten. Ihr könntet das Buch aber auch einfach jemandem schenken, der gerade etwas Fernweh hat, – wie aktuell wahrscheinlich viele von uns – denn Colombani nimmt uns mit in die ferne Welt von Indien, in die Großstadt Montreal und ins sonnige Sizilien.


Happy Hour

Meine Empfehlung: Lemon Tea. Den habe ich auch tatsächlich kannenweise getrunken während ich das Buch gelesen und die Rezi geschrieben habe. Der Tee wärmt von innen bei den doch noch teils kühlen Temperaturen und der Geschmack Lemon erinnert an die Zitronenbäume in Sizilien, die Colombani so ausdrucksstark beschreibt. Hallo Sommer, wir warten auf dich!


Zu dieser Lebenslage passt das Buch

Laetitia Colombani erzählt die Geschichten von drei starken Frauen, die für das kämpfen, was ihnen am wichtigsten ist: ihre Gesundheit, ihre Familie, die Liebe, aber auch Freiheit und Selbstbestimmung. Das habe ich zugleich als aufbauend und auch unglaublich inspirierend empfunden. Ich könnte mir gut vorstellen, dass das Buch einen stärken kann in Situationen, in denen man sich schwach fühlt. Darüber zu lesen, wie Smita, Giulia und Sarah trotz auferlegter Hürden ihren Weg gehen, macht definitiv Mut.


A little Bio never killed nobody

Laetitia Colombani wurde 1976 in Bordeaux geboren und ist eigentlich Schauspielerin. Ihre Karriere begann mit mehreren Kurzfilmen, später kamen auch Hauptrollen in einigen Spielfilmen dazu. Colombani führte außerdem in mehreren Filmen Regie und schrieb auch Drehbücher. Mit ihrem ersten Roman Der Zopf – der Originaltitel lautet La Tresse – feiert sie große Erfolge: Der Roman stand wochenlang auf der SPIEGEL-Bestsellerliste, erhielt mehrere Auszeichnungen und ist bereits verfilmt worden. Für ihren zweiten Roman Das Haus der Frauen recherchierte Colombani im „Palais de la Femme“ in Paris, einem Wohnheim für Frauen in Not. Dort sprach sie mit Mitarbeiterinnen* und Bewohnerinnen* und wurde sogar eine von ihnen. Das Haus der Frauen ist der erste Roman über Blanche Peyron, die 1926 unter widrigsten Umständen eines der ersten Frauenhäuser begründete – das Buch ist sicherlich auch eine Rezi wert.


Dieser Beitrag ist von unserer Gastbloggerin Caro. Das sagt Caro über sich:

Harry Potter hat das geschafft, was noch nicht einmal Hanni und Nanni zusammen konnten: Meine Begeisterung fürs Lesen entfachen. Nachdem ich Der Gefangene von Askaban im Kino gesehen hatte, wollte ich unbedingt wissen, wie es weitergeht und eben nicht noch ein Jahr auf die nächste Verfilmung warten. Also kaufte ich mir Band 4, den ich teilweise sogar mit zur Schule genommen habe, weil ich ihn nicht mehr aus der Hand legen konnte. Seitdem brenne ich für Literatur. Das zeichnet sich auch in meiner Vita ab: Ich habe im Bachelor Germanistik und Anglistik studiert und einen Masterabschluss in Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft gemacht. Jetzt bin ich in PR und Marketing aktiv und schreibe selbst Texte für verschiedene Formate. Was gibt es noch zu sagen? I love coffee – nicht geschüttelt, aber dafür schwarz – und beim Yoga kann ich so tiefenentspannen, dass ich gerne mal einschlafe. Namasté! Übrigens hat Caro bereits eine tolle Rezi zu "Wir sind doch nur Schwestern" von Anne Gesthuysen für uns geschrieben. Lest doch mal rein!


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