"Der Tropfen weiß nichts vom Meer" von Mahbuba Maqsoodi



Worum geht’s?

Mahbuba Maqsoodi erzählt in Der Tropfen weiß nichts vom Meer, angelehnt an ein persisches Sprichwort, ihre Lebensgeschichte. Als eine von sieben Töchtern wächst sie im Afghanistan der 1960er Jahre auf. In Afghanistan gelten Töchter als Fluch für die Familie, denn, sobald sie im heiratsfähigen Alter sind (was in Afghanistan quasi ab Eintritt der ersten Periode der Fall ist), werden sie wie eine Sache an den für sie bestimmten Ehemann verkauft. Oder, in den Worten von Mahbuba Maqsoodi:


“In der Welt, in der ich geboren bin, gibt es ein Sprichwort: Das Mädchen gehört dem Fremden. Das heißt, sie ist ein Gegenstand, über den andere verfügen … Sie kann gekauft und verkauft werden. Ihre Eigentümer sind ihr Vater, ihre Brüder, später ihr Mann. Und so lernt sie schon von Kindheit an: Sie gehört nicht sich, sondern anderen.” (“Der Tropfen weiß nichts vom Meer” - Mahbuba Maqsoodi)

Die Welt, in der Mahbuba aufwächst, folgt sehr konservativen und religiös geprägten Gesetzen. Dennoch stehen ihr als Jugendliche mehr Chancen offen, sich zu entfalten, als vielen anderen Mädchen in Afghanistan. Denn ihr Vater legt wert auf Bildung für seine Kinder und ermöglicht Mahbuba und ihren Schwestern den Schulbesuch. Nach ihrem Schulabschluss wird Mahbuba entgegen ihrer eigenen Vorstellungen zur Lehrerin in Biologie und Chemie ausgebildet. Nebenbei engagiert sie sich politisch, setzt sich für mehr Frauenrechte in ihrem Land ein und entdeckt ihre Liebe zur Malerei. Ihr Lehrer Fazl teilt nicht nur ihre Leidenschaft für Farben und Pinsel, sondern erwidert auch ihre Gefühle. Die beiden heiraten und bekommen durch ihre künstlerischen Tätigkeiten die Chance, gemeinsam mit einem Stipendium in die Sowjetunion zu gehen, um dort zu studieren. Entgegen aller Konventionen bricht die schwangere Mahbuba mit Fazl in Richtung Sowjetunion auf. Dort studiert und promoviert sie im Fach Keramik. Doch die Sowjetunion soll nicht Mahbubas letzte Station werden. Über Taschkent und die Niederlande gelangt sie schließlich mit ihrer Familie nach Deutschland, wo sie als Geflüchtete mit Armut und Ausgrenzung konfrontiert ist. Dennoch findet sie in München ihre eigentliche Bestimmung: die Glasmalerei von Kirchenfenstern eine Tradition, die eigentlich Teil einer anderen Religion ist. Für Mahbuba tun sich dadurch nicht nur Einblicke in eine andere Kultur mit anderen Traditionen auf, sondern sie und ihr Mann verdienen auch genug Geld, um ihre Familie, die inzwischen aus ihnen und zwei Söhnen besteht, zu ernähren. Am wichtigsten ist für Mahbuba aber, dass sich ihr Mann und sie mit ihren eigenen Entwürfen für Auftragsarbeiten in der Kirchenmalerei künstlerisch verwirklichen können und dadurch die Anerkennung erhalten, die ihnen oft genug verwehrt blieb.


Unser Fazit: Das Buch erzählt die berührende und einzigartige Geschichte einer Frau, die zwar einen ungewöhnlichen Lebensweg beschritten hat (und immer noch beschreitet; Mahbuba ist schließlich noch schwer aktiv), aber immer einen Weg fand, überall auf der Welt eine Heimat zu finden.


Gelesen auf: Deutsch

Nase zwischen den Seiten: 8 Abende

Seitenanzahl: 368

Preis: 19,99€ (D)

Erschienen im September 2017 beim Heyne Verlag

ISBN: 978-3453201569

Tipps & Tits

Meine Oma hat mir Der Tropfen weiß nichts vom Meer ans Herz gelegt. Sie hat das Buch zum 80. Geburtstag geschenkt bekommen, weil die Fenster in einer ihrer Lieblingskirchen von Mahbuba Maqsoodi gestaltet wurden. Mahbubas Glasmal-Arbeiten sind wirklich bewegend. Einfach mal googlen und verzaubern lassen.


Boobscore: 4 von 5 Boobs ( • ) ( • ) ( • ) ( • )

Direkt von der ersten Seite an macht Mahbuba ihre Sichtweise auf die Geschlechterverhältnisse in Afghanistan deutlich: Frauen sind Objekte, Menschen zweiter Klasse, deren Möglichkeiten als Individuen sehr eingeschränkt sind. Frauen werden als weniger intelligente “Schwarzköpfe” abgetan, die dem Zweck dienen, dem Ehemann Kinder auszutragen und, in manchen tragischen Fällen, als Oberfläche für Gewaltausbrüche und Züchtigungen durch den Mann herhalten müssen. Obgleich jedes Mädchen bei der Geburt einen Namen erhält, verliert dieser an Bedeutung, sobald die Frau heiratet. Denn ab dann gilt sie nur noch als “Frau von” und wird durch die Zugehörigkeit zu ihrem Ehegatten bezeichnet.


“Eine Frau kann so stark sein, wie sie will, in der Gesellschaft gilt sie als 'zaeifa', als schwach. Das Schmerzliche daran ist, dass damit nicht nur die körperliche, sondern auch ihre geistige Unterlegenheit gemeint ist und behauptet wird.” (“Der Tropfen weiß nichts vom Meer” - Mahbuba Maqsoodi)

Afghanische Frauen in den 1960er Jahren (und darüber hinaus) durften nicht einkaufen gehen, nicht in intellektuellen Kreisen mitdiskutieren und waren ohnehin meist “unter sich”, das heißt, im Haus, also in dem Gesellschaftsbereich, der Frauen zugedacht war. Als eine von sieben Töchtern erlebte Mahbuba die schwere Arbeit mit, die Frauen* in Afghanistan verrichten mussten und müssen, ohne dafür Anerkennung zu ernten. Schon als Kind wurde sie mit sexuellen Androhungen konfrontiert, als ein Fremder ihr gegenüber andeutete, dass das zwischen ihren Beinen irgendwann “zerissen” werden wird. Und sie erlebte Gewalt gegen Frauen aus der eigenen Familie, als ihre ältere Schwester am hellichten Tag als aufrührerische Vordenkerin (Sie ist Schulleiterin eines Mädchen-Gymnasiums und linkspolitische Aktivistin) erschossen wird.


Schon in Afghanistan setzte Mahbuba sich für mehr Rechte von Frauen* und Mädchen ein und hat seither nicht aufgehört, sich für Aufklärungsarbeit und für den Schutz von Geflüchteten Frauen* aus Afghanistan stark zu machen. Warum trotzdem nur vier Boobs? Weil die Angelegenheiten der Frauen* nach Mahbubas Reise in die Sowjetunion eher in den Hintergrund treten. Ich hätte gerne mehr darüber erfahren, wie sich für sie die deutsche Gesellschaft, insbesondere mit Bezug auf die Stellung der Frau*, angefühlt haben muss und wahrscheinlich immer noch anfühlt.


Literarisches Feuerwerk?

Ja, unbedingt! Mich jedenfalls hat Mahbubas einzigartiger Schreibstil direkt in seinen Bann gezogen. Manchmal ist ihre Sprache blumig, schnörkelig, dann wieder leicht. Und manchmal strickt sie auch ganz eigene Vergleiche und Metaphern, die ihre Herkunft aus einer anderen Kultur hervorheben. Sehr lesenswert!


Stoff zum Nachdenken

Einerseits ist mir durch die Lektüre bewusst geworden wie wenig ich eigentlich über die komplexe und vielfältige Geschichte Afghanistans weiß. Die meisten Dinge, von denen Mahbuba in ihrem Buch berichtet, musste ich online nachlesen und habe trotzdem den Eindruck, viel zu wenig über dieses Land, seine Kultur und seine Geschichte jenseits der Taliban zu wissen. Zum anderen musste ich aber auch viel darüber nachdenken, wie herausfordernd sich die Situation für Geflüchtete (aus Afghanistan) und für ihre Familien bei der Ankunft in Deutschland gestaltet.


Bestes Geburtstagsgeschenk für…

… alle, die Lust auf eine außergewöhnliche Autobiographie haben und offen sind, über eine Frau zu lesen, von der sie wahrscheinlich noch nie zuvor gehört haben.


Happy Hour

Starker schwarzer Tee mit Kardamonsamen, angelehnt an die Tee-Tradition in Afghanistan.


Zu dieser Lebenslage passt das Buch

Auch wenn Passagen des Buches einen schlucken lassen, berühren oder traurig machen, fand ich das Buch gleichzeitig auch sehr entspannend. Besonders gerne habe ich nach einem anstrengenden Arbeitstag am Abend ein paar Seiten gelesen, weil es einen in Sekundenschnelle in eine andere Welt eintauchen lässt.


A little Bio never killed nobody

Mahbuba Maqsoodi wurde 1957 in Herat, Afghanistan, als die vierte von sieben Töchtern geboren. Neben ihrem Studium der Chemie und Biologie ließ sie sich von ihrem Ehemann in der Miniaturmalerei ausbilden. Nach ihrem Kunststudium in St. Petersburg gelang Mahbuba Maqsoodi die Flucht nach München, wo sie das Handwerk der Glasmalerei erlernte. Seitdem entwirft und gestaltet Mahbuba Maqsoodi Kirchenfenster. Eine ihrer letzten Arbeiten waren große Richterfenster für die Kirche von Deutschlands ältestem Kloster in Tholey, Saarland. In dem von ihr gegründeten Verein „Afghanische Frauen in München e.V“ engagiert sich Mahbuba Maqsoodi für den Schutz und die Unterstützung geflüchteter Frauen aus Afghanistan. Einen Einblick in Mahbubas künstlerische Arbeiten erhaltet ihr hier: https://www.hofglasmalerei.de/projekte/4287/maqsoodi-fenster-tholey.


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