• Jana

"Das weibliche Kapital" von Linda Scott



Worum geht’s?

Dass Frauen* in sämtlichen Teilbereichen der Gesellschaft benachteiligt sind, ist uns allen bewusst. Stichwort “Literaturbranche”, sonst gäbe es diesen Blog vielleicht nicht. Die Oxford-Professorin Linda Scott nimmt sich in Das weibliche Kapital den Wirtschaftssektor vor. Dabei schaut sie sich nicht nur die jetzigen Zustände an, sondern geht weit zurück bis in die Steinzeit. Und sie bleibt bei ihren Beobachtungen nicht in der westlichen Welt, sondern berichtet auch von ihren Forschungen in Afrika und Asien. Ihre These: Seit jeher wurden Frauen* wirtschaftlich ausgeschlossen - ganz gleich, ob es nun um Landbesitz, Eigentum generell oder Tauschgeschäfte geht. Scott begründet dies, vereinfacht gesagt, auf der Tatsache, dass Frauen* stets gewaltsam unterdrückt wurden und Vergewaltigung Teil von Tauschhandeln war (und ist).


Die Geschichten, die sie mit Statistiken faktisch untermauert, sind erschreckend. Scott will aber mit ihrem Buch vor allem bezwecken, dass es den Männern, welche die Wirtschaftswelt regieren, dämmert, dass wirtschaftliches Wachstum und der Wohlstand einer Nation aus einer Quelle gespeist werden können: der ökonomischen Gleichberechtigung der Frau weltweit.

"Eine der tragischsten Folgen der ökonomischen Ausgrenzung von Frauen ist, dass Frauen selbst wie Ware gehandelt werden. ... Mit ca. 70 Prozent ist die große Mehrheit der versklavten Menschen weiblich." ("Das weibliche Kapital" - Linda Scott)

Gelesen auf: Deutsch

Nase zwischen den Seiten: 12 Abende

Seitenanzahl: 416

Preis: 26,00€ (D)

Erschienen im September 2020 beim Hanser Verlag

ISBN: 978-3446267800


Leseerlebnis

Das weibliche Kapital hat zwar thematisch einen extrem hohen Suchtfaktor, weswegen ich das Buch normalerweise einfach durch gebinged hätte. Aber die Stories zu den Lebensumständen von Frauen in Entwicklungs- und Schwellenländern, die Linda Scott auf ihren Expeditionen erlebt, sind teilweise so niederschmetternd, dass ich das Buch erst mal zur Seite legen und einen Tag verdauen musste.


Boobscore: 5 von 5 Boobs ( • ) ( • ) ( • ) ( • ) ( • )

Dieses Buch sollte meiner Meinung nach mit Boobs gepflastert werden. Mir hat Das weibliche Kapital eine neue Sichtweise auf die Welt gegeben bzw. dabei geholfen, ein ganzes System, das der Wirtschaft hinsichtlich weiblicher Benachteiligung und Beteiligung ständig zu hinterfragen. Linda Scott stellt eine Sache immer wieder unmissverständlich klar: Frauen stehen auf der ganzen Welt wirtschaftlich hinter den Männern zurück, egal ob in Ländern, in denen Armut herrscht, in Schwellenländern oder in Wirtschaftsnationen. Um diese Grundthese zu untermauern, erzählt Scott von Orten, an die ihre Forschungsarbeit sie verschlagen hat, z.B. Länder in Afrika, wo Frauen teils wie Wertgegenstände gehandelt werden. Sie berichtet aber auch aus den den Vereinigten Staaten, in denen Frauen systematisch aus den Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten ausgeschlossen werden.

"Jahrhundertelang haben männliche Wissenschaftler erfolglos versucht, Beweise für einen physischen Unterschied zwischen den Gehirnen von Männern und Frauen zu finden. ... Jede Studie, die Unterschiede beim weiblichen Gehirn zu belegen scheint, verbreitet sich in den sozialen Medien wie ein Lauffeuer." ("Das weibliche Kapital" - Linda Scott)

Das weibliche Kapital macht wütend, es macht traurig, es frustriert, weil man sich selbst so hilflos fühlt. Genau deswegen ist es umso wichtiger, dieses Buch zu lesen und sich ständig vor Augen zu führen: Wem gehören nochmal die wirtschaftlich ertragreichen Agrarflächen der Welt? Ach ja, hauptsächlich Männern. Wer leistet den Großteil an (unbezahlter) Arbeit auf der Welt? Ach ja, die Frauen. Und was das Buch als Bonusmaterial an die Hand gibt: Es räumt mit Klischees auf, die sich seit Jahrzehnten hartnäckig halten, zum Beispiel dem Evolutionsmythos, nach dem Männer eben die Jäger und Frauen die Sammlerinnen sind. Scott zeigt hier auf, dass dies nur ein Narrativ ist, das strategisch eingesetzt wird und wurde, um Frauen in ihre “natürlichen” Plätze in der Weltordnung zu verweisen. Aber meiner Meinung nach ist das Beste an dem Buch, dass es mit einem ganz konkreten Lösungsvorschlag ankommt: Wirtschaftlich wird es den Ländern besser gehen, die sich um die absolute wirtschaftliche Gleichstellung der Frau bemühen. Alle profitieren, eine Win-win-Situation. Klingt logisch und man stellt sich umso mehr die Frage, warum dies nicht längst in allen Ländern auf der Welt der Fall ist bzw. in keinem Land bis jetzt realisiert wurde ...


Literarisches Feuerwerk?

Stilistisch kein Meisterwerk, aber als Sachbuch, das hochkomplexe Zusammenhänge erschließt, liest sich Das weibliche Kapital verständlich und gleichzeitig spannend.


Stoff zum Nachdenken

Jow. Das ist so ein Buch, bei dem jede Seite und jede Story nachdenklich macht. Auf jeden Fall hat es mich dazu angeregt, mir über meine persönlichen wirtschaftlichen Benachteiligungen und denen von Frauen* in Deutschland und Mitteleuropa Gedanken zu machen. Und wer hier schreit, dass Frauen* hierzulande wirtschaftlich doch eigentlich quasi gar nicht benachteiligt sind, soll sich mal die Gender-Ratio bei Wirtschafts-Professuren anschauen.


Bestes Geburtstagsgeschenk für…

… alle Frauen* und alle Männer*. Punkt. Mehr gibt’s dazu nicht zu sagen.


Happy Hour

Für dieses Buch brauchte ich wirklich was für den Magen. Mein Favorit: italienischer Süßwein.


Zu dieser Lebenslage passt das Buch

Definitiv nicht zu jeder. Einfach “weil ich Spaß am Lesen habe” passt zu Das weibliche Kapital nicht. Am besten reserviert ihr euch ein paar verregnete Nachmittage/Abende auf der Couch nur für dieses Buch.


A little Bio never killed nobody

Laut der Autoren-Bio von Hanser ist Das weibliche Kapital Linda Scotts “Lebenswerk”. Der Begriff passt echt gut, denn im Text steckt ganz klar die lebenslange Arbeit, Forschung und persönliches Interesse zur wirtschaftlichen Stellung der Frau der emeritierten Oxford-Professorin für Entrepreneurship und Innovation. Scott wurde bereits zwei Mal unter die Top 25 der Global Thinkers gewählt, also eine Frau mit Einfluss. Neben ihren Tätigkeiten als Professorin und Autorin ist sie als Beraterin in Think-Tanks und für Unternehmen unterwegs und ist außerdem Oma.


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