"Das Patriarchat der Dinge" von Rebekka Endler



Worum geht’s?

Keine Toilette zum Sitzen in Sicht, dafür Pissoirs an jeder Ecke. Eine App, die alle wichtigen Körperfunktionen überwachen soll, aber 50% der Nutzer*innen fragen sich, warum ihre Periode nicht dazuzählt. Kinderschuhe als Ausrüstung für die Fußballweltmeisterschaft, weil es keine passenden Modelle für Frauenfüße gibt …


Das sind nur einige Beispiele, die schnell klar machen, worum es in Das Patriachat der Dinge geht: Die Frage, wie für Männer* gemachtes Design das Leben von Frauen* bestimmt. Medizin, Infrastruktur, Architektur, Sprache, Technologie, Kultur – wir sind in fast allen Lebensbereichen von männlich geprägten Strukturen und Designs umgeben. Rebekka Endler öffnet unseren Blick dafür und arbeitet dazu mit unglaublich vielen anschaulichen Beispielen. Sie nimmt Leser*innen mit ins Büro, um zu erklären, wie sich das Temperaturempfinden von Frauen* und Männern* unterscheidet (Spoiler Alert: Frauen* mögen es zwischen 3-5 Grad wärmer, aber die Standardtemperatur von Klimaanlagen ist natürlich auf den Mann* ausgerichtet). Die Leser*innen landen aber auch an weniger offensichtlichen Orten wie der ISS, wo die Infrastruktur komplett auf männliche Astronauten ausgerichtet ist.

Das Patriachat der Dinge zeigt nicht nur wichtige Zusammenhänge auf und gibt in jedem Kapitel neue Denkanstöße, sondern ist durch die zahlreichen Anekdoten sehr kurzweilig und unterhaltsam.


Es ist ein Buch über die Wut, die all jene verspüren, die damit begonnen haben, an den bestehenden Strukturen, Ideen und Designs zu rütteln – und darüber, wie sie lernen, mit dem Backlash der patriarchalischen Übermacht umzugehen.” ('Das Patriarchat der Dinge' - Rebekka Endler)

Gelesen auf: Deutsch

Nase zwischen den Seiten: 1 Langstreckenflug und 3 Abende

Seitenanzahl: 336

Preis: 22,00€ (D)

Erschienen im April 2021 beim Dumont Verlag

ISBN: 978-3-8321-8136-9


Tipps & Tits

Eins meiner persönlichen Highlights war das Kapitel „Wer pinkelt wo?“ (S. 47 ff.). Leser*innen lernen die Geschichte von Geerte Piening kennen, die nachts um drei von der niederländischen Polizei beim Wildpinkeln erwischt wurde und nach einem verlorenen Gerichtsverfahren zur Galionsfigur der „Potty Parity“ wurde. Ich habe mich immer schon gefragt, warum es so wenig Möglichkeiten für Frauen* gibt, sich in der Öffentlichkeit zu erleichtern ohne dass sie – mehr schlecht als recht geschützt – im Gebüsch verschwinden müssen. Die Antwort ist ganz leicht: Die Stadtverwaltungen, die oft mit vielen männlichen Mitarbeitenden besetzt sind, sehen einfach keinen Bedarf. Dabei gibt es tolle Ideen und sogar schicke Designs, die das Leben vieler Frauen* leichter machen könnten. Aber warum sollte sich was ändern, was schon immer so ist? Für Männer* passt es ja …

Unbedingt ins Kapitel reinlesen und danach mehr über „Potty Parity“ ergoogeln. Achtung: Das Thema macht wütend, aber das wird euch im ganzen Buch öfter so gehen.


Boobscore: 5 von 5 Boobs ( • ) ( • ) ( • ) ( • ) ( • )

So viele Themen, die uns die Machtstrukturen zwischen Frauen* und Männern* und die patriarchale Übermacht anschaulich vor Augen führen, verdienen einfach 5 von 5 Boobs. Wer gute Argumente für die Notwendigkeit von Feminismus sucht, findet sie hier in komprimierter Form. Übrigens: Die „Boobs“ finden natürlich auch ihren Platz in zwei eigenen Kapiteln (über Nippel in Social Media & Sport BHs).


Literarisches Feuerwerk?

Der Text ist informativ, witzig und auch eine Portion Sarkasmus ist immer wieder dabei. Eine perfekte Mischung für ein Sachbuch. Der Text ist dadurch sehr kurzweilig und auch nachdem das Buch mal weggelegt wird, kommt der Lesefluss sehr schnell wieder.


Stoff zum Nachdenken

Wo soll ich da anfangen? Jedes Kapitel lädt erneut zum Nachdenken über ein Thema ein. Von Infrastruktur, über Medizin, Kleidung oder Kultur bis hin zu Sprache. Instinktiv kommt die Frage auf, ob es auch Bereiche gibt, in denen Frauen* nicht diskriminiert werden.


Den wichtigsten Gedankenanstoß hat mir aber das letzte Kapitel gegeben. Rebekka Endler beschreibt, welche weiteren marginalisierten Gruppen durch Designs und Strukturen immer wieder Einschränkungen und Diskriminierung erfahren. Hier stehen die Themen Hautfarbe, sexuelle Orientierung und Ableismus im Vordergrund. Obwohl wir vorher 270 Seiten darüber gelesen haben, wie stark das Machtgefälle zwischen Mann* und Frau* den Alltag prägt, wird einem hier sofort die eigene privilegierte Position* nochmal vor Augen gehalten. Ich bin danach nochmal aufmerksamer durch die Welt gegangen. Barrierefreiheit, Offenheit für alle Identitäten und Menschen mit jeder Hautfarbe – ist das überall gegeben? Definitiv nein! Und nach der Lektüre habe ich mich jedes Mal gefragt, welchen kleinen Beitrag ich möglicherweise leisten kann, um hier zu etwas weniger Diskriminierung beizutragen.

*Ich schreibe hier, wie Rebekka Endler auch, als weiße, hetero, ablebodied, cis Frau, dementsprechend teilen andere Leser*innen wohlmöglich andere Erfahrungen.


Bestes Geburtstagsgeschenk für …

Wirklich jede*n, denn wir können nur gemeinsam daran arbeiten, die Welt inklusiver zu gestalten. Wissen ist dabei der erste Schritt in die richtige Richtung. Wenn dieses Wissen auch noch in so unterhaltsamer Form präsentiert wird, sollte sich wirklich jede*r über das Geschenk freuen können.


Happy Hour

Sonntagsmorgens mit einem frisch gebrühten Cappuccino im Lieblingscafé. Genau die richtige entspannte Stimmung, um mit genug Zeit (und Kaffee) über alle Inhalte nachzudenken und den nächsten Wutausbruch mit loungiger Kaffeehaus-Musik zu beruhigen.


Zu dieser Lebenslage passt das Buch

Zu jeder. Rebekka Endlers Buch lässt sich zwar nicht lesen, ohne dass an der ein oder anderen Stelle wütend zu werden oder enttäuscht über die Gesellschaft zu sein, aber durch den heiteren und leicht sarkastischen Schreibstil sinkt die Laune trotzdem nie in den Keller.


A little Bio never killed nobody

Rebekka Endler arbeitet als freie Autorin, Journalistin und Podcasterin. Sie schreibt unter anderem Reportagen für den Deutschlandfunk und den WDR. Ihre Themen sind vielfältig: Menschen, Kunst und Kultur, Politik und Soziales. Das Patriachat der Dinge ist ihr Debutroman.


Dieser Beitrag ist von unserer Gastbloggerin Jana. Das sagt Jana über sich: Neben Job, Promotion und eigenem Podcast kommt die Zeit zum Lesen manchmal viel zu kurz. Trotzdem stecke ich gerne meinen Kopf in ein frisch gedrucktes Exemplar – am liebsten zu Themen rund um „female empowernment“. Die Rezension habe ich im Rahmen unseres Podcast-Interviews vom Podcast Katzentisch mit Rebekka Endler geschrieben. Hört unbedingt rein in unsere Spezial-Episode „Boob Books meets Katzentisch“ und erfahrt noch mehr über Das Patriachat der Dinge. Die Podcast-Episode erscheint am 09. Dezember 2021.










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