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"Brüste und Eier" von Mieko Kawakami



Worum geht’s?

Es ist echt keine leichte Aufgabe herunterzubrechen, worum es in Brüste und Eier genau geht. Erstmal zum Setting: Brüste und Eier spielt in zwei aufeinanderfolgenden Zeitebenen, die erste im Sommer 2009, die zweite von Sommer 2016 bis Sommer 2019. Im 1. Zeitabschnitt versucht die 30-jährige Natsuko, sich in Tokyo, Japan als Schriftstellerin einen Namen zu machen. Sie ist unverheiratet und hat keine Kinder - ein schwieriger Stand für eine Frau* in Japan, auch noch im 21. Jahrhundert. Doch Natsuko geht ihren Weg, da sie für sich weiß, dass sie sich keinen anderen aufzwingen kann. Wenn sie nicht als freie Autorin schreibt, arbeitet sie in Gelegenheitsjobs. Natsuko ist genügsam, denn sie wuchs in Osaka in bitterer Armut auf. Umso mehr überrascht es sie daher, als sie Besuch von ihrer älteren Schwester Makiko und deren Tochter Midoriko bekommt und Makiko Natsuko eröffnet, dass sie sich die Brüste vergrößern lassen will. Makiko scheint mit den Alterungsprozessen ihres eigenen Körpers nicht klarzukommen, während Midoriko, deren eigener Körper sich gerade durch die Pubertät zu verändern beginnt, sich weigert, mit ihrer Mutter zu sprechen. Natsuko nimmt zwischen ihrer Nichte und ihre Schwester die Rolle der Schlichterin ein. Als Makiko und Midoriko abreisen, bleibt Natsuko wieder alleine zurück – und durch die Beziehung, die sie zwischen ihrer Schwester und Midoriko erlebt habt, beginnt in Natsuko der Wunsch nach einem eigenen Kind zu reifen.


"Wenn niemand auf die Welt käme, gäbe es keine Probleme. Wenn niemand auf die Welt käme, gäbe es keine Freude, kein Leid, kein gar nichts. Nichts. Niemand kann etwas dafür, dass es Samenzellen und Eizellen gibt, aber ich glaube, der Mensch sollte langsam damit aufhören, sie zusammenzubringen." (Brüste und Eier - Mieko Kawakami)

Zehn Jahre später hat sich vieles verändert, vieles aber auch nicht: Natsuko ist inzwischen erfolgreiche Schriftstellerin, doch sie ist mit ihrem Leben nicht recht zufrieden. Immer häufiger beginnt sie, sich mit der Idee auseinanderzusetzen, sich künstlich befruchten zu lassen und ohne Vater bzw. nicht im traditionellen Stand einer Ehefrau ein Kind großzuziehen. Als sie sich auf die Suche nach einem passenden Spender begibt, lernt sie nicht nur die andere Seite kennen - die Perspektive der Kinder, die ihre wahren Väter, die Samenspender, nie kennenlernen konnten. Sie sieht sich mit ihrer eigenen Asexualität konfrontiert, die in Japan ein Tabu ist, ebenso wie Natsukos ganzer Lebensentwurf.


Gelesen auf: Deutsch

Nase zwischen den Seiten: 12 Abende

Seitenanzahl: 496

Preis: 24,00€

Erschienen im August 2020 beim DUMONT Buchverlag

ISBN: 978-3832183738


Tipps & Tits/Leseerlebnis

Mein Input hierzu ist ein bisschen was aus beiden Kategorien. Vor der Lektüre hätte ich folgenden Tipp als hilfreich empfunden: Das Buch ist mit seinen fast 500 Seiten ein echter Wälzer, aber ein Sichreinhängen und v. a. Dranbleiben lohnt sich wirklich! Da ich außerdem im Frühjahr 2019 selbst durch Japan gereist bin, hat mir das Buch die Kultur und auch den sozialen Stand der Frauen* dort noch einmal nähergebracht.


Boobscore: 5 von 5 Boobs ( • ) ( • ) ( • ) ( • ) ( • )

Weniger Boobs wären wirklich nicht fair. Das Buch ist nämlich ein einziges Female Empowerment-Manifesto, auch wenn es seine Botschaften nicht laut hinausschreit, sondern eher zaghaft und sanft durch die Handlung auf den Lesenden/die Lesende wirken lässt, wie wir es z. B. schon bei hier vorgestellten Büchern wie Menschliche Dinge und Bis wieder einer weint erlebt haben. Das wiederum verstärkt aber den ganzen Empowerment-Effekt des Buches. Was Brüste und Eier nämlich super erfolgreich tut ist, den Frauen* in Japan, die angeblich nicht in die gesellschaftliche Norm hineinpassen, einen Space und auch eine Stimme zu geben. Männliche Charaktere kommen im Roman, bis auf eine Ausnahme, nur als Randfiguren vor. Im Zentrum stehen weibliche Figuren, die beinahe alle andere Lebenswege eingeschlagen haben, als die japanische Gesellschaft es für Frauen* vorsieht: Sie sind unverheiratet, alleinerziehend, lesbisch, asexuell.


Zudem bricht der Roman dadurch mit sämtlichen Tabus, über die gerade in Bezug auf Frauen* nicht gesprochen werden darf. Dazu zählen z. B. die Veränderungsprozesse, die der weibliche Körper ein Leben lang durchläuft, von der ersten Periode bis zu den ersten Anzeichen körperlichen Verfalls, die insgesamt klassischen Schönheitsidealen in Japan entgegenstehen. Ein anderes Thema ist der Stand als unverheiratete Frau* über 30, die ohne Mann und Kinder gesellschaftlich keinen Wert zu haben scheint. Doch durch die Starrköpfigkeit der Hauptfigur Natsuko, die nicht nur als Schriftstellerin Karriere macht, sondern auch gegen alle Normen ein eigenes Kind ohne Vater großziehen will, werden die Geschichten dieser Frauen* legitim und wichtig. Auch die Sexualität von Frauen* steht im Zentrum der Handlung, denn Natusko selbst scheint ohne Sex gut leben zu können und sich nicht nach der Nähe eines Mannes zu sehnen - wodurch sie wiederum nicht in die Standards ihres Heimatlandes passt. Ich könnte hier jetzt noch unzählige weitere Absätze schreiben, aber das reicht für den Moment. Ihr seht dadurch hoffentlich schon: das Buch hat enorm viel Boobscore-Potenzial.


Literarisches Feuerwerk?

Und wie! Ich kann mich nicht daran erinnern, schon mal ein Buch gelesen zu haben, dass auf so ergreifende Weise den ganz schlichten Alltag einer Frau beschreibt. Das Buch hat keine irrsinnig großen Spannungsmomente, aber dafür ist jeder Moment auf seine Weise wertvoll und irgendwie zerbrechlich.


Stoff zum Nachdenken

Mich hat nach der Lektüre die gesellschaftliche Stellung der Frauen* in Japan beschäftigt. Frauen* sind in diesem Land immer noch alles andere als den Männern* gleichgestellt und oft in den traditionellen Rollen verhaftet: Hausfrauen, Erziehung der Kinder, Pflege von Älteren. Auch wenn inzwischen immer mehr (junge) Frauen* arbeiten gehen und auch unverheiratet bleiben, hält sich hartnäckig das stereotypische Bild, das unverheiratete/alleinstehende Frauen* über 30 die Außenseiterinnen der Gesellschaft und damit die Verliererinnen sind. Umso spannender ist es daher, dass Brüste und Eier dann einsetzt, als Natsuko die 30 bereits erreicht hat. Wenn ihr übrigens eine coole Serie zur Stellung der Frau bzw. z Female Empowerment in Japan schauen wollt, kann ich euch Giri/Haji empfehlen (auf Netflix).


Bestes Weihnachtsgeschenk für …

… all jene, denen ihr für die anstehenden Weihnachtsferien eine Lektüre mitgeben wollt, die sie tagelang zum Entspannen auf der Couch hält.


Happy Hour

Gerstentee, wenn ihr den irgendwoher bekommen könnt. Alternativ Sake.


Zu dieser Lebenslage passt das Buch

Verregnete Herbsttage, an denen man sich gerne gedanklich an einen komplett anderen Ort versetzen will: in das proppenvoll gestopfte Tokyo, was zu Corona-Zeiten sowieso irgendwie unvorstellbar erscheint.


A little Bio never killed nobody

Mieko Kawakami wurde 1976 in Osaka, Japan, geboren. Sie startete ihre Karriere zunächst auf der Bühne als Sängerin, schlug dann aber 2007 mit ihrem ersten Roman den Weg als Schriftstellerin ein. Für ihr Debüt erhielt sie direkt den Tsubouchi-Shoyo-Preis für Nachwuchsschriftsteller*innen. Für ihre Novelle Brüste und Eier, der Forerunner zum jetzigen Buch, erhielt sie den Akutagawa-Preis, der Japans wichtigste literarische Auszeichnung ist.


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