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"Bock. Männer und Sex" von Katja Lewina



Worum geht’s?

Im Vorwort oder Auftakt erklärt die Autorin gleich selbst ihre Motivation für das Buch: „Seit mein erstes Buch „Sie hat Bock“ erschienen ist, […] werde ich immer wieder gefragt, ob es so etwas auch für Männer gibt – ein Buch, das Stereotype zerschießt, eins, das Alternativen aufzeigt. Und weil ich nichts Vergleichbares in Bezug auf Sex finden konnte, habe ich beschlossen, es einfach selbst zu schreiben“.


Dieses Buch hat sie also so aufgebaut, dass sie den Lebensweg eines Mannes von der Geburt bis zum Altenheim nachzeichnet. Pro Kapitel vergehen sinnbildlich 10 Jahre und es werden Themen in Bezug auf Sex behandelt (sexuelle Selbstfindung, Partnerschaft, Impotenz etc.), die Männer in diesem Alter jeweils beschäftigen. Das erzählt sie jedoch nicht nur selbst, sondern lässt auch 30 Männer reden, die sie für das Buch interviewt hat. Außerdem zieht sie Studien und andere populärwissenschaftliche Literatur zu Rate. Unter die interviewten Männer fallen „ganz normale“ Vertreter ihres Geschlechts, aber auch Experten wie Urologen und Soziologen kommen zu Wort.


Aber wer hat schon behauptet, dass Gleichberechtigung einfach wäre? Nee, da müssen wir alle wie bekloppt dran arbeiten. Und am besten fangen wir damit bei uns selbst direkt mal an. Denn wer von uns da ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein. ” ('Bock. Männer und Sex' - Katja Lewina)

Gelesen auf: Deutsch

Nase zwischen den Seiten: 6 Abende

Seitenanzahl: 214

Preis: 20,00€ (D)

Erschienen im August 2021 bei DuMont

ISBN: 978-3-8321-8006-5


Tipps & Tits

Nur weil der Titel des Buches Männer und Sex heißt, bedeutet das nicht, dass es ausschließlich um Männer geht. Ich war teilweise etwas irritiert beim Lesen, wenn es zwei Seiten lang über die Missstände der Gesellschaft gegenüber Frauen ging, z.B. in Bezug auf Intimbehaarung. Ich dachte, dafür wäre das erste Buch der Autorin, Sie hat Bock, da gewesen (das ich, was man dazu sagen muss leider nicht gelesen habe). Also konkret wäre mein Tipp, keine zu strenge Erwartungshaltung gegenüber dem Buch zu haben, da es auch mal gerne vom Kernthema abschweift.


Boobscore: 3 von 5 Boobs ( • ) ( • ) ( • )

Ich tweake den Boobscore für dieses Buch mal ein wenig in dem Sinne, dass ich ihn nicht für female Empowerment direkt verstehe, sondern für Empowerment für männliches* Verhalten abseits der patriarchalen Norm.


Das Negative:

1. „Männerbashing“

Die Autorin gibt an einer Stelle selbst zu, dass es ihr als Frau schwerfällt, Männer als Opfer des Patriarchats zu sehen. Das merkt man. Oft geht es nach dem Motto „ja, okay, Männer leiden vielleicht auch, aber Frauen leiden mehr und hier ist wie, wo und warum“. Das kann man machen, aber in einem Buch über männliche Sexualität hätte ich mir eigentlich mehr Erklärung und auch etwas mehr Verständnis für die männliche Perspektive gewünscht. Um fair zu sein, es ist nicht so, dass die Autorin dies ganz außen vorlässt und unterschlagen würde, dass auch Männer unter dem Patriachat leiden und auch Frauen männliche Grenzen überschreiten können. Aber das kommt erst nach über der Hälfte des Buches. Und vielleicht ist es der Negativity Bias*, aber nach dem Buch hatte ich das Gefühl, dass das Rumgehacke gegenüber dem Verständnis oft überwiegt.



2. Umgang mit Minorities

Es gibt einen kleinen Teil über Bisexualität und sexuelle Fluidität bei Männern (wo ich tatsächlich viel gelernt habe!). Ansonsten kommen nur cis-Heteromänner zu Wort und es geht um Heterosex. Das ist sehr schade, da es doch gerade bei dem Thema Sex wichtig wäre, diese Perspektive mit einzubeziehen. Und das ist auch der Grund, weshalb ich in dieser Rezi oft das * hinter Frauen* und Männer* weggelassen habe, wenn es um den Inhalt des Buches geht.


3. Umgang mit wissenschaftlichen Studien

Ja, ich weiß, „Umgang mit Studien“ klingt jetzt etwas off-topic für die Kriterien des Boobscores, aber ich finde, für richtiges Empowerment ist es wichtig, dass man auf einer gescheiten Datengrundlage diskutiert. Wenn ihr meinen Rant über den Umgang mit wissenschaftlichen Studien in diesem Buch in seiner Gesamtfassung lesen wollt, scrollt ganz nach unten. Ansonsten hier die Kurzfassung:

A) Es wird schlecht zitiert (die wissenschaftlichen Studien fehlen im Anhang, zu manchen Zahlen fehlen ganz die Quellen)

B) Bei einer Gegenüberstellung von zwei Studien ist es nicht getan zu sagen „Studie A sagt x, Studie B sagt y, da weiß nur der Himmel, welche der beiden recht hat“.


Das Positive, oder, warum ich dem Buch trotz meines Gemeckere da oben doch noch solide 3 Boobs gebe:


1. Man lernt einiges

Auch wenn ich persönlich schon einige Fakten kannte und das oben erwähnte Männerbashing mich teilweise echt genervt hat, gab es einige Geschichten in dem Buch, die mich berührt haben und von denen ich neue Dinge gelernt habe. Besonders die den Stellen, an denen Experten und Männer selbst von ihren Erfahrungen und Perspektiven erzählt haben, gab es meinerseits viele Aha-Momente. Obwohl ich in diesen Gesprächen tatsächlich auch oft Katja Lewinas Perspektive bereichernd fand, z.B. wenn sie die Männer auf andere Interpretationsmöglichkeiten des Geschehenen hinweist oder sich über Aussagen freut.


2. Es ist der Anfang einer deutschsprachigen Diskussion über Sex

Das Wissen, das ich vor diesem Buch hatte, hatte ich mir hauptsächlich aus englischsprachigen Quellen angeeignet. Auf Deutsch gibt es einfach viel zu wenig Bücher, die unverkrampft und empowernd über Sex reden. Diese Diskussion ist hierzulande meiner Erfahrung nach oft eher in den Kinderschuhen und sehr angespannt, weshalb ich dieses Buch trotz seiner Fehler als äußerst wichtig erachte. Es wäre schön, wenn dieses Buch der Anfang einer bunten Diskussion darstellen würde, die das Patriarchat aus dem Schlafzimmer rausholt, sodass wir alle frei so lieben können, wie wir wollen – wenn denn Consent gegeben ist bei allen Teilnehmenden. Also: bitte mehr davon!


Literarisches Feuerwerk?

So weit zu gehen, es literarisch zu nennen, würde ich vielleicht nicht, aber es war sehr angenehm und flüssig geschrieben und an manchen Stellen musste ich sogar schmunzeln. Also verglichen mit anderen populärwissenschaftlichen Büchern und Zeitungsreportagen ist der Schreibstil meiner Meinung nach sehr gut und einfach zu lesen.


Stoff zum Nachdenken

Die Geschichte eines Mannes mit HIV und seines Umganges damit hat mich nachhaltig zum Nachdenken angeregt. Außerdem habe ich meine eigene Heteronormativität hinterfragt, als ich meine Überraschung gemerkt habe darüber, dass auch Männer* sexuell fluide sind und mit anderen Männern* ihre Sexualität erforschen, ohne direkt schwul zu sein.


Bestes Geburtstagsgeschenk für …

… eigentlich würde ich gerne hierhin schreiben, dass jede frau* es an unreflektierte, hetero cis-Männer verschenken sollte, von denen sie* meint, dass er sich mal Gedanken zu seinem Dating- und Sexleben machen sollte. Aufgrund des oben erwähnten Männerbashings würde ich es jedoch lieber Frauen* schenken, die Probleme haben, irgendwie Verständnis für die männliche Seite aufzubringen. Die werden glaube ich davon eher abgeholt als Männer – leider!


Happy Hour

Irgendetwas „typisch männliches“ so wie Bier oder Whisky.


Zu dieser Lebenslage passt das Buch

Du verzweifelst gerade am männlichen* Geschlecht und suchst händeringend nach Antworten für das dir geschickte Dickpic oder dem Unfall an Tinderdate von gestern. Oder du möchtest einfach weiße cis-Männer in deinem Umfeld besser verstehen.


A little Bio never killed nobody

Katja Lewina – ein Pseudonym (legt frau* sich wahrscheinlich lieber an, wenn sie offen über ihr Sexleben schreibt) – ist 1984 in Moskau geboren, lebt aber heutzutage mit Kindern und Partner in Berlin. Sie hat Slawistik, Literatur- und Religionswissenschaften studiert und danach als Lektorin und inm Künstler*innenmanagement gearbeitet. Nun ist sie freie Autorin, bekannt geworden ist sie unter anderem für ihre Untenrum-Kolumne (https://www.jetzt.de/tag/untenrum). Bock. Männer und Sex ist ihr zweites Buch nach Sie hat Bock.


Dieser Beitrag ist von unserer Gastbloggerin Tina. Das sagt Tina über sich: Als ich in der Schule war, dachte ich, dass Gleichberechtigung in Deutschland ja eigentlich erreicht ist, und dass sie vielleicht auch schon zu weit gegangen ist, da Männer ja mittlerweile irgendwie alles Weicheier sind. Ich war also super selbstreflektiert und feministisch unterwegs. Dann kamen ein paar Erfahrungen mit lateinamerikanischen Exemplaren des männlichen Geschlechts, die mich nachhaltig geprägt haben, wonach ich auch zurück in Deutschland angefangen habe, Ungleichheiten zu bemerken. Heutzutage studiere ich Übersetzung (Spanisch und Englisch) in Saarbrücken und bin im Arbeitskreis Feminismus des AStA aktiv. Dort habe ich schon öfter Buchvorstellungen in Zusammenarbeit mit der FrauenGenderBibliothek Saar geleitet.


Hier noch meine beiden Kritikpunkte zum Umgang mit wissenschaftlichen Studien in langer Fassung:


Erstens, Katja Lewina zitiert viele wissenschaftliche Studien und nennt viele Zahlen, aber in ihrem Literaturverzeichnis führt sie nur die Sachbücher auf, die sie zitiert. Manchmal sagt sie auch einfach gar nicht, woher sie bestimmte Zahlen oder Daten hat (z. B. auf S.42, dass Jugendliche mit 14,2 Jahren den ersten Kontakt mit sexuell expliziten Medien haben). Das ist ein Problem, da die Datengrundlage nicht nachvollziehbar wird. In Zeiten von Fake News sollte es doch mittlerweile klar sein, dass eine Diskussion so nicht funktionieren kann.


Mein zweiter Punkt bezieht sich auf ihre Gegenüberstellung zweier Studien zum Thema Mithilfe im Haushalt und Häufigkeit von Sex bei heterosexuellen, verheirateten Paaren (S. 156). Eine Studie sage, Paare, bei denen Männer „typisch weibliche“ Aufgaben wie putzen und Wäsche waschen übernehmen, hätten weniger Sex als Paare, die den Haushalt eher „traditionell“ aufteilen. Die andere sage, Paare, bei denen der Mann im Haushalt hilft, hätten mehr Sex. Erstere sei „in Fachkreisen eher kritisch betrachtet“. Dann schlussfolgert sie „Wer jetzt also wirklich mehr Sex hat, weiß nur der Himmel“. Wow, wo fang ich da an. Meine Schlussfolgerung aus diesen beiden Studien sieht auf jeden Fall anders aus:


Erstens, Korrelation ist nicht Kausalität.


Zweitens, was ist das bitte für eine Korrelation, die da untersucht wird?! Mal ganz ehrlich, Häufigkeit von Sex in einer Beziehung ist abhängig von SO vielen Variablen. Sprich: Wenn diese Aspekte korrelieren, dann kann die Effektgröße nur winzig sein, womit eine Verallgemeinerung bzw. Übertragung auf die Gesamtheit an deutschen Paaren, die die Autorin hier anstellt, eher fragwürdig ist.


Drittens, soziologische Studien aus den USA einfach so auf Deutschland zu übertragen, finde ich sowieso eher fragwürdig.


Viertens, beide Studien sind über 10 Jahre alt (2008 und 2013). Nach eigener Recherche habe ich außerdem herausgefunden, dass sich die neuere Studie aus 2013 auf Daten aus den 90ern bezieht. Das war auch der Grund, warum diese Studie, die aussagt, dass Paare, bei denen Männer „weibliche“ Aufgaben im Haushalt übernehmen, weniger Sex haben, so umstritten ist. Wieso musste ich das selbst googeln und steht nicht im Text? Das hat ja mal NULL Aussagekraft über das Sexleben deutscher Paare in den 2020ern. Wieso wird sowas überhaupt zitiert? Das weiß wohl nur der Himmel.


Fünftens, leider habe ich die zweite Studie auch nach langer Recherche nicht gefunden. Stichwort: fehlende Informationen im Anhang. Aber ich bezweifle, dass, wie Katja Lewina es ausdrückt, darin „belegt“ wird, dass die Häufigkeit von Sex mit der Beteiligung der Männer im Haushalt steigt. Die Studie hat bestimmt Evidenz dafür gefunden, aber eine einzige Studie kann so einen komplexen Sachverhalt nicht endgültig belegen. Wenn die Ergebnisse vieler verschiedener Studien immer wieder das Gleiche aussagen, kann man etwas als belegt ansehen. Aber das ist hier ja eher nicht der Fall.


Sechstens, beide Studien scheinen über verschiedene Sachverhalte zu reden und schließen sich nicht unbedingt gegenseitig aus. Die eine sagt, es gibt eine Korrelation zwischen der Beteiligung der Männer im Haushalt und der Häufigkeit von Sex in der Partnerschaft. Die andere spezifiziert, dass die Art der Aufgaben, die der Mann übernimmt, wohl auch einen Einfluss auf die Häufigkeit von Sex hat. Es sind also zwei verschiedene Aspekte der Wirklichkeit. Welcher Effekt größer ist, wie beides zusammenspielt und inwiefern Kausalität gegeben ist, ist sicher ein interessantes Unterfangen für weitere Forschung, aber geht, soweit ich das beurteilen kann, nicht aus diesen beiden zitierten Studien hervor.


Das wirklich interessante an diesen beiden Studien liegt also eher darin, was sie nicht aussagen. Nämlich absolut gar nichts über deutsche Paare in den 2020ern.

Ich bin keine Soziologin, weshalb ihr auch meine Schlussfolgerungen mit Vorsicht genießen solltet. Ich hoffe aber, dass mein Problem mit dieser Art von Umgang mit wissenschaftlichen Studien verständlich geworden ist. Einfach random mit Zahlen aus irgendwelchen Studien um sich zu werfen ist kein wissenschaftliches Arbeiten und sollte auch für den Bereich der "Populärwissenschaft" ein No-Go sein. Studie ist nicht gleich Studie. Die Methode, mit der die Wissenschaftler*innen zu ihren Daten kamen, ist unglaublich wichtig, vor allem bei einem Vergleich. Und seit Mai Thi Nguyen-Kim gibt es auch keine Ausrede mehr, dass es keine Vorbilder dafür gibt, wie ein guter Studienvergleich und fundierter Wissenschaftsjournalismus aussehen kann.


Meine Quellen:


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